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Das Wichtigste in Kürze
- „Moderne“ ist kein Stil, sondern ein Sammelbegriff für mehrere gleichzeitig laufende Strömungen zwischen etwa 1890 und 1945: Impressionismus, Symbolismus, Fin de Siècle, Expressionismus, Dadaismus und Neue Sachlichkeit.
- Was sie verbindet, ist eine Erschütterung: Das Ich gilt nicht mehr als feste Größe, und die Sprache nicht mehr als verlässliches Werkzeug.
- Den Ausgangspunkt liefert die Wissenschaft. Freuds „Traumdeutung“ erscheint 1900 und behauptet, dass wir uns selbst nicht kennen. Nietzsches Satz vom Tod Gottes nimmt der Welt die oberste Instanz.
- Die Sprachkrise ist das Leitthema: Hugo von Hofmannsthals fiktiver „Brief des Lord Chandos“ von 1902 beschreibt einen Dichter, der nicht mehr schreiben kann, weil ihm die Wörter im Mund zerfallen.
- Der Expressionismus ab etwa 1910 ist die lauteste Strömung: Großstadt, Krieg, Weltuntergang, zerbrochene Syntax. Jakob van Hoddis’ Gedicht „Weltende“ von 1911 gilt als Startsignal.
- Franz Kafka steht neben allem und passt in keine Schublade, was ein Grund dafür ist, dass er der meistgelesene Autor der Epoche ist.
Worum es in der Moderne geht
Um 1900 stimmt nichts mehr, worauf sich das 19. Jahrhundert verlassen hatte. Der Naturalismus hatte noch geglaubt, man könne die Wirklichkeit abbilden, wenn man nur genau genug hinsieht. Die Moderne bezweifelt schon die Grundlagen: dass es ein Ich gibt, das hinsieht, und eine Sprache, die trägt.
Die Städte wachsen ins Unübersichtliche, Menschen leben unter Fremden, die Arbeit wird getaktet. Dazu kommt der Erste Weltkrieg, der die Vorstellung von Fortschritt in vier Jahren zerlegt. Wer 1918 zurückkommt, kann nicht mehr in der Form erzählen, in der Fontane erzählt hat.
Also wird die Form aufgebrochen. Erzähler werden unzuverlässig, Zeitverläufe zerfallen, innere Monologe ersetzen die Handlung. In der Lyrik entsteht der Reihungsstil: Sätze stehen nebeneinander ohne Verbindung, weil ein Zusammenhang nicht mehr behauptet werden kann.
Die wichtigsten Strömungen im Überblick
Impressionismus (ab etwa 1890): Nicht der Gegenstand zählt, sondern der flüchtige Eindruck. Stimmungen, Farben, Augenblicke. In der deutschen Literatur eher schwach ausgeprägt, stark in der Lyrik von Detlev von Liliencron.
Symbolismus und Fin de Siècle: Rückzug aus der hässlichen Wirklichkeit in eine artifizielle Schönheit. Stefan George und der frühe Hofmannsthal, Weltmüdigkeit als Haltung.
Expressionismus (etwa 1910–1925): Das Gegenteil. Nicht der Eindruck von außen, sondern der Ausdruck von innen. Schreie statt Stimmungen, Grelles statt Feines, Ich-Zerfall und Untergangsvisionen.
Dadaismus (ab 1916, Zürich): Die radikalste Antwort auf den Krieg, wenn die Welt unsinnig ist, muss Kunst es auch sein. Lautgedichte, Zufallsverfahren, Provokation.
Neue Sachlichkeit (1918–1933): Die Gegenbewegung zum expressionistischen Pathos. Nüchtern, reportagenah, großstädtisch: Döblin, Fallada, Kästner.
Woran man einen modernen Text erkennt
Der Erzähler ist nicht mehr verlässlich. Man erfährt nur, was eine Figur wahrnimmt, und weiß nicht, ob es stimmt.
Die Sprache wird selbst zum Thema. Texte reflektieren, dass Wörter die Sache verfehlen.
Reihung statt Zusammenhang. Besonders in der Lyrik: unverbundene Bilder nebeneinander, oft grell und ohne Übergang.
Die Großstadt als Figur. Berlin ist in dieser Epoche kein Ort, sondern ein Akteur, bei Heym ein Gott, bei Döblin ein Mahlwerk.
Die wichtigsten Werke
„Die Verwandlung“ von Franz Kafka (1915)
Gregor Samsa erwacht als Ungeziefer. Der erste Satz stellt das fest, und der Rest der Erzählung behandelt es als Verwaltungsproblem: Gregor sorgt sich um den verpassten Zug, die Familie um das Geld. Niemand fragt, wie das passieren konnte.
Genau darin liegt Kafkas Verfahren. Das Unmögliche wird nicht erklärt, sondern nüchtern durchgerechnet, und dadurch wird sichtbar, wie eine Familie mit jemandem umgeht, der aufhört, nützlich zu sein. Kafka wollte übrigens ausdrücklich, dass das Tier auf dem Umschlag nicht abgebildet wird.
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„Der Process“ von Franz Kafka (1925)
Josef K. wird verhaftet, ohne dass ihm jemand sagt, weshalb, und arbeitet sich ein Jahr lang an einer Justiz ab, die keine Adresse hat. Der Roman blieb unvollendet und erschien erst nach Kafkas Tod, gegen dessen ausdrückliche Anweisung, alle unveröffentlichten Schriften zu verbrennen. Max Brod hat sich darüber hinweggesetzt, und wir verdanken ihm den halben Kafka.
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„Der Zauberberg“ von Thomas Mann (1924)
Hans Castorp besucht seinen Vetter in einem Sanatorium in Davos, für drei Wochen, und bleibt sieben Jahre. Zwischen Liegekur und Fiebermessen streiten zwei Erzieher um seine Seele, während unten im Flachland der Krieg vorbereitet wird.
Der Roman ist lang und langsam, und beides ist Absicht: Er handelt davon, wie Zeit sich anfühlt, wenn nichts geschieht. Wer Mann kennenlernen will, fängt besser mit „Der Tod in Venedig“ an, hundert Seiten statt tausend.
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Expressionistische Lyrik: Heym, Trakl, van Hoddis
Für die Gedichtanalyse ist der Expressionismus die ergiebigste Strömung der Epoche. Georg Heyms „Der Gott der Stadt“ von 1911 macht aus Berlin einen Moloch, der auf einem Häuserblock hockt. Jakob van Hoddis’ „Weltende“ reiht in acht Zeilen Katastrophen aneinander, die nicht zusammenpassen: Hüte fliegen, Dachdecker stürzen, Eisenbahnen fallen von Brücken. Georg Trakls „Grodek“ entstand 1914 nach einer Schlacht, bei der Trakl als Sanitäter neunzig Schwerverwundete allein zu versorgen hatte; er starb wenige Wochen später.
Diese Gedichte sind kurz und wirken sofort. Wenn eine Epoche über einen einzigen Text zugänglich wird, dann diese über „Weltende“.
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„Der Panther“ und die Dinggedichte von Rainer Maria Rilke
Rilke gehört zu keiner der Strömungen richtig dazu und ist trotzdem der wichtigste Lyriker der Epoche. Sein Verfahren heißt Dinggedicht: Ein Gegenstand oder Tier wird so lange betrachtet, bis es von innen sichtbar wird, ohne dass der Dichter sich dazwischenschiebt.
„Der Panther“ von 1902 beschreibt ein Tier im Pariser Jardin des Plantes, dessen Blick vom Vorübergehen der Gitterstäbe so müde geworden ist, dass er nichts mehr hält. Das Gedicht kommt ohne ein einziges Wort über Gefangenschaft im übertragenen Sinn aus und handelt trotzdem von nichts anderem. Es ist eines der meistanalysierten deutschen Gedichte und für die Klausur brauchbarer als jeder Expressionist, weil sich die Form so klar beschreiben lässt.
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Was ich davon halte
Die Moderne ist die erste Epoche, deren Texte sich nicht historisch anfühlen. Kafka liest sich, als wäre er letztes Jahr geschrieben worden, und das liegt nicht am Stoff, sondern am Ton, nüchtern, ohne Erklärung, ohne moralische Absicherung.
Was ich für überschätzt halte, ist der Dadaismus. Als Geste gegen den Krieg verständlich, als Literatur ist wenig davon lesbar geblieben. Der Expressionismus dagegen hat Gedichte hervorgebracht, die nach hundert Jahren noch treffen, „Weltende“ funktioniert bei Vierzehnjährigen genauso wie bei Erwachsenen, was man von wenigen Texten sagen kann.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Moderne und Expressionismus?
Der Expressionismus ist eine Strömung innerhalb der Moderne, etwa zwischen 1910 und 1925. „Moderne“ umfasst zusätzlich Impressionismus, Symbolismus, Dadaismus und Neue Sachlichkeit. Wer in einer Klausur nach der Epoche gefragt wird, antwortet „Moderne“ und nennt die Strömung dazu.
Was bedeutet Sprachkrise?
Den Zweifel daran, dass Sprache Wirklichkeit abbilden kann. Hofmannsthals „Ein Brief“ von 1902 ist der Schlüsseltext: Ein fiktiver Lord Chandos schildert, wie ihm die abstrakten Begriffe „im Munde wie modrige Pilze“ zerfallen. Aus diesem Zweifel folgt fast alles Formexperiment der Epoche.
Was ist der Reihungsstil?
Eine Technik der expressionistischen Lyrik: Bilder oder Sätze stehen unverbunden nebeneinander, oft ein Bild pro Zeile, ohne kausalen Zusammenhang. Der Effekt ist eine Gleichzeitigkeit ohne Ordnung, so, wie Großstadt sich anfühlt.
Welches Werk eignet sich als Einstieg?
„Die Verwandlung“, wenn es Prosa sein soll, rund siebzig Seiten und der bekannteste erste Satz der deutschen Literatur. Für Lyrik „Weltende“ von Jakob van Hoddis, acht Zeilen. Beides funktioniert ohne Vorwissen.
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Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Davor liegt der Naturalismus, danach folgt die Postmoderne. Wie unterschiedlich Literatur auf gesellschaftliche Umbrüche reagiert, zeigt der Vergleich mit dem Realismus und dem Sturm und Drang.
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