Die Literaturepoche: Postmoderne (ab 1945)

Von

·

Zuletzt überarbeitet im .

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Postmoderne ist die letzte Epoche der üblichen Reihe, und die unschärfste, weil wir noch in ihr stehen. Was gerade geschrieben wird, lässt sich nicht von außen betrachten.
  • Zur Datierung: Die Jahre 1945 bis etwa 1960 gehören genau genommen zur Trümmer- und Nachkriegsliteratur. Von Postmoderne spricht man ab den 1960er Jahren, im deutschen Sprachraum eher ab den 1980ern.
  • Der Leitgedanke stammt vom Philosophen Jean-François Lyotard: das Ende der großen Erzählungen. Es gibt keine verbindliche Deutung der Welt mehr, weder Fortschritt noch Klassenkampf noch Heilsgeschichte.
  • Daraus folgt der wichtigste Kunstgriff: Intertextualität. Texte zitieren, spielen mit und bauen aus anderen Texten, nicht als Diebstahl, sondern als Verfahren.
  • Die Grenze zwischen Hoch- und Unterhaltungsliteratur wird aufgehoben. Ein Kriminalroman darf philosophisch sein, ein philosophischer Roman spannend.
  • Nach 1989 kommt in Deutschland ein eigenes Thema dazu: die Wendeliteratur über Teilung und Wiedervereinigung.
  • Umberto Ecos „Der Name der Rose“ von 1980 ist das Musterbeispiel: Mittelalterkrimi, Zeichentheorie und Bibliotheksroman in einem Buch.

Worum es in der Postmoderne geht

Die Moderne hatte an der Sprache und am Ich gezweifelt, aber noch geglaubt, dass es eine Wahrheit zu finden gäbe, wenn man nur radikal genug sucht. Die Postmoderne gibt diese Suche auf, und findet das nicht tragisch, sondern befreiend.

Wenn keine Deutung mehr die richtige ist, kann man mit allen spielen. Also werden Gattungen gemischt, Erzählebenen ineinandergeschoben, Figuren aus anderen Büchern übernommen. Der Text zeigt vor, dass er gemacht ist, statt Wirklichkeit vorzutäuschen. Wer das schon einmal gehört hat: Die romantische Ironie hat dasselbe gemacht, hundertachtzig Jahre früher.

Der Ton ändert sich mit. Wo die Moderne ernst und zerrissen war, ist die Postmoderne ironisch und verspielt. Das ist ihr Reiz und ihr Vorwurf zugleich: Kritiker halten ihr vor, dass Ironie sich um jede Festlegung herumdrückt.

Woran man einen postmodernen Text erkennt

Der Text weiß, dass er ein Text ist. Erzähler treten auf, kommentieren die Handlung, korrigieren sich, streiten mit dem Leser.

Es wird zitiert und angespielt. Auf andere Bücher, auf Filme, auf Werbung. Oft ohne Kennzeichnung, das Erkennen ist Teil des Vergnügens.

Gattungen mischen sich. Krimi und Essay, Fantasy und Familienroman, Biografie und Erfindung nebeneinander.

Mehrere Wahrheiten stehen nebeneinander. Verschiedene Erzähler berichten dasselbe verschieden, und der Text entscheidet nicht.

Die wichtigsten Werke

„Die Blechtrommel“ von Günter Grass (1959)

Oskar Matzerath beschließt an seinem dritten Geburtstag, nicht mehr zu wachsen, und beobachtet aus dieser Höhe den Aufstieg des Nationalsozialismus in Danzig. Er trommelt, er zerschreit Glas, und er erzählt das alles aus einer Heil- und Pflegeanstalt heraus, ein Erzähler, dem man ausdrücklich nicht trauen soll.

Formal steht der Roman zwischen den Epochen: zu verspielt für die Nachkriegsliteratur, zu politisch für die reine Postmoderne. Er war der erste deutsche Nachkriegsroman von internationalem Rang, und Grass bekam 1999 den Nobelpreis wesentlich für dieses Buch.

„Die Blechtrommel“ bei Amazon ansehen

„Der Name der Rose“ von Umberto Eco (1980)

In einer Benediktinerabtei sterben Mönche, und ein Franziskaner ermittelt, der wie Sherlock Holmes denkt und William von Baskerville heißt. Dahinter liegt ein Streit über die Frage, ob Jesus gelacht hat, und eine Bibliothek als Labyrinth.

Das Buch ist die Postmoderne in Reinform: Es funktioniert als Krimi, wenn man nichts über Semiotik weiß, und als Zeichentheorie, wenn man will. Eco hat später eingeräumt, die ersten hundert Seiten absichtlich schwer gemacht zu haben, als Aufnahmeprüfung.

„Der Name der Rose“ bei Amazon ansehen

„Das Parfum“ von Patrick Süskind (1985)

Jean-Baptiste Grenouille wird im Paris des 18. Jahrhunderts mit einem übermenschlichen Geruchssinn und ohne eigenen Körpergeruch geboren. Er mordet, um den Duft junger Frauen zu konservieren. Der Roman ist historischer Roman, Kriminalgeschichte und Künstlerparabel zugleich, und der international erfolgreichste deutschsprachige Roman der Nachkriegszeit.

„Das Parfum“ bei Amazon ansehen

„Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann (2005)

Alexander von Humboldt bereist Südamerika, Carl Friedrich Gauß bleibt zu Hause und rechnet, und beide kommen zu ähnlichen Ergebnissen über die Welt. Kehlmann erzählt zwei reale Biografien mit erfundenen Szenen und durchgehend in indirekter Rede, was einen eigentümlich distanzierten, komischen Ton erzeugt.

Ein guter Einstieg in die deutsche Gegenwartsliteratur: kurz, witzig und trotzdem eindeutig postmodern gebaut.

„Die Vermessung der Welt“ bei Amazon ansehen

„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll (1974)

Eine Haushälterin verbringt eine Nacht mit einem Mann, der von der Polizei gesucht wird. Vier Tage später erschießt sie einen Journalisten. Dazwischen liegt eine Berichterstattung, die aus einer unauffälligen Frau eine Terroristenbraut macht, ihre kranke Mutter im Krankenhaus aufsucht und deren Tod mitverursacht.

Der Untertitel lautet „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“, und Böll hat das Buch als direkte Reaktion auf die Kampagnen der Boulevardpresse gegen ihn selbst geschrieben. Die Erzählform ist nüchtern bis zur Amtssprache, ein Bericht, der Quellen abwägt. Genau diese Kühle macht die Wirkung aus. Von allen Texten dieser Seite ist er der, der am direktesten in die Gegenwart zeigt.

„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ bei Amazon ansehen

Die Gruppe 47 und die Wendeliteratur

Zwei Zusammenhänge, die für die deutsche Nachkriegsliteratur wichtiger sind als jede Stilfrage.

Die Gruppe 47 war kein Verein, sondern eine Einladungsrunde: Von 1947 bis 1967 trafen sich Autoren, lasen unveröffentlichte Texte vor und ließen sich sofort kritisieren. Wer dort bestand, wurde gedruckt. Heinrich Böll, Günter Grass, Ingeborg Bachmann und Martin Walser sind aus diesem Kreis hervorgegangen, die Gruppe hat den westdeutschen Literaturbetrieb zwanzig Jahre lang faktisch bestimmt.

Die Wendeliteratur setzt nach 1989 ein und verhandelt Teilung, Aufbruch und Enttäuschung. Thomas Brussigs „Helden wie wir“ von 1995 erzählt den Mauerfall als Groteske, Ingo Schulzes „Simple Storys“ von 1998 in neunundzwanzig lose verbundenen Episoden, Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von 2011 als Geschichte einer DDR-Familie über vier Generationen.

Was ich davon halte

Die Postmoderne ist die Epoche, die man am leichtesten liest und am schwersten einordnet. Ihre besten Bücher, Eco, Kehlmann, funktionieren auf zwei Ebenen gleichzeitig, und man kann sie genießen, ohne die zweite zu bemerken. Das halte ich für eine echte Errungenschaft; keine frühere Epoche hat das geschafft.

Wo ich skeptisch bin: bei der Ironie als Dauerhaltung. Wenn ein Text sich vorsichtshalber von allem distanziert, was er behauptet, ist er gegen Kritik immun und sagt am Ende nichts. Die Bücher, die von dieser Epoche bleiben werden, sind meines Erachtens die, die sich irgendwann doch festlegen.

Häufige Fragen

Ab wann spricht man von Postmoderne?

International ab den 1960er Jahren, in der deutschen Literatur eher ab den 1980ern. Die häufig genannte Jahreszahl 1945 markiert genau genommen den Beginn der Nachkriegs- und Trümmerliteratur, die eigene Merkmale hat, kahle Sprache, Kriegsheimkehrer, Kahlschlag.

Was bedeutet Intertextualität?

Dass ein Text sich auf andere Texte bezieht, durch Zitat, Anspielung, Parodie oder Übernahme von Figuren und Strukturen. In der Postmoderne ist das kein Beiwerk, sondern Bauprinzip: „Der Name der Rose“ lässt sich ohne die Anspielungen auf Conan Doyle und Borges nur zur Hälfte lesen.

Was sind die „großen Erzählungen“, die enden?

Umfassende Deutungssysteme, die beanspruchen, den Lauf der Geschichte zu erklären, christliche Heilsgeschichte, Aufklärungsfortschritt, Marxismus. Lyotard beschrieb 1979, dass diese Systeme ihre Überzeugungskraft verloren haben. Literatur reagiert darauf mit Vielstimmigkeit statt mit einer Botschaft.

Welches Werk eignet sich als Einstieg?

„Die Vermessung der Welt“, rund 300 Seiten, komisch, schnell gelesen und trotzdem ein Musterbeispiel. Wer mehr Zeit hat, nimmt „Der Name der Rose“; wer die deutsche Nachkriegsgeschichte sucht, „Die Blechtrommel“.

Weiterlesen

Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Davor liegt die Moderne. Wie das Spiel mit der eigenen Gemachtheit schon einmal ausprobiert wurde, zeigt der Beitrag zur Romantik und ihrer romantischen Ironie. Welche Bücher aus dieser Zeit sich am besten verkauft haben, steht in unserer Liste der meistverkauften Bücher.

Du hast einen dieser Romane gelesen und suchst etwas Vergleichbares? Unsere KI-gestützte Buchsuche schlägt dir zu jedem Titel drei Anschlusstitel vor.

Die Buchlinks führen zu Amazon; wir bekommen davon eine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts.