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Das Wichtigste in Kürze
- Die Antike ist mit rund 1.400 Jahren die mit Abstand längste Epoche, etwa von 800 v. Chr. bis 600 n. Chr. Sie zerfällt in eine griechische und eine römische Hälfte, die sich überlappen.
- Fast alle literarischen Gattungen, die wir heute benutzen, sind hier erfunden worden: Epos, Tragödie, Komödie, Lyrik, Geschichtsschreibung, Satire, Brief, Roman.
- Der Kern des griechischen Denkens ist der Konflikt zwischen menschlichem Willen und einem Schicksal, dem man nicht entkommt. Ödipus erfüllt genau die Prophezeiung, vor der er flieht.
- Die drei großen Tragiker bilden eine Entwicklung ab: Bei Aischylos entscheiden die Götter, bei Sophokles der Mensch, bei Euripides die Psyche.
- Aristoteles beschreibt in der „Poetik“ um 335 v. Chr., wie eine Tragödie funktioniert, und legt damit Regeln fest, an denen sich die europäische Dramatik bis ins 18. Jahrhundert abarbeitet.
- Die römische Literatur ist keine Kopie. Sie erfindet die Satire, den Liebeselegienzyklus und, mit Petronius und Apuleius, die ersten Romane der Weltliteratur.
- Zwei Formeln aus der Antike prägen ganze spätere Epochen: carpe diem stammt von Horaz und wird zur Leitidee des Barock.
- Für den Einstieg entscheidet weniger das Werk als die Übersetzung. Dazu unten ein eigener Abschnitt.
Warum die Antike der Anfang von allem ist
Es gibt einen sachlichen Grund, warum jede Übersicht der Literaturepochen hier beginnt, und er hat nichts mit Bildungsehrfurcht zu tun: Vor der Antike existieren zwar Texte, Gilgamesch-Epos, ägyptische Hymnen, hebräische Bibel, aber es existiert kein System von Gattungen, das jemand aufgeschrieben und begründet hat.
Die Griechen tun genau das. Sie unterscheiden Epos, Tragödie, Komödie und Lyrik, sie benennen die Unterschiede, sie streiten über die Regeln. Aristoteles schreibt eine Theorie der Tragödie, die zweitausend Jahre später noch dazu führt, dass französische Dramatiker die Einheit von Ort, Zeit und Handlung einhalten und deutsche Autoren im Sturm und Drang dagegen rebellieren.
Dazu kommt der Stoff. Ödipus, Antigone, Medea, Odysseus, Prometheus, Orpheus, diese Figuren sind seit zweieinhalb Jahrtausenden im Umlauf und werden bis heute neu erzählt. Wer Literatur liest, stößt ständig auf Anspielungen, die aus diesem Vorrat stammen, ob bei Goethe, Kafka oder in einer Fernsehserie.
Die griechische Literatur
Das Epos: Homer
Am Anfang stehen zwei Werke, die vermutlich im 8. Jahrhundert v. Chr. ihre feste Form fanden. Die Ilias erzählt einen Ausschnitt aus dem zehnten Kriegsjahr vor Troja: Achills Groll, weil ihm der Heerführer eine Kriegsgefangene wegnimmt, sein Rückzug, der Tod seines Freundes Patroklos und die Rache an Hektor. Der Krieg wird nicht zu Ende erzählt, das Trojanische Pferd steht nicht in der Ilias.
Die Odyssee erzählt die Heimfahrt eines Einzelnen: zehn Jahre, Zyklop, Kirke, Sirenen, Kalypso, und am Ende ein Mann, der als Bettler verkleidet in sein eigenes Haus zurückkehrt. Erzählt wird nicht chronologisch, sondern mit Rückblenden und Perspektivwechseln, für ein Werk aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. ist das erstaunlich modern gebaut.
Ob ein Dichter namens Homer beide Werke verfasst hat, ist seit dem 18. Jahrhundert umstritten; man nennt das die Homerische Frage. Wahrscheinlich ist, dass jahrhundertealtes mündliches Erzählgut irgendwann verschriftlicht wurde. Die stehenden Wendungen sprechen dafür, „die rosenfingrige Morgenröte“, „der göttliche Dulder Odysseus“ waren Bausteine, die Sängern beim freien Vortrag halfen.
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Die Tragödie: Aischylos, Sophokles, Euripides
Tragödien wurden in Athen an den Dionysien aufgeführt, einem mehrtägigen Fest mit Wettbewerb. Das Publikum umfasste Tausende, die Aufführung war eine öffentliche Angelegenheit, und der Chor kommentierte das Geschehen aus der Perspektive der Gemeinschaft.
Aischylos (525–456 v. Chr.) steht am Anfang. Seine „Orestie“ von 458 v. Chr. ist die einzige vollständig erhaltene Trilogie: Ein Mord zieht den nächsten nach sich, bis am Ende ein Gerichtshof die Blutrache ablöst. Bei ihm greifen die Götter noch unmittelbar ein.
Sophokles (497–406 v. Chr.) verschiebt das Gewicht auf den Menschen. In „König Ödipus“ ermittelt ein Herrscher in einem Mordfall und stellt Schritt für Schritt fest, dass er selbst der Täter ist, ein Aufbau, den man heute Kriminalstück nennen würde. In „Antigone“ steht das Gebot der Familie gegen das Gesetz des Staates, und beide Seiten haben recht. Das ist der Grund, warum dieses Stück in jeder politischen Krise wieder gespielt wird.
Euripides (etwa 480–406 v. Chr.) geht noch einen Schritt weiter und interessiert sich für das Innenleben. Seine Medea von 431 v. Chr. tötet ihre eigenen Kinder, um den Mann zu treffen, der sie verlassen hat, und Euripides gibt ihr Argumente, die man nicht einfach wegwischen kann. Zeitgenossen fanden ihn zu modern; er gewann selten.
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Was Katharsis wirklich bedeutet
Der Begriff stammt aus Aristoteles’ „Poetik“ und wird oft falsch wiedergegeben. Aristoteles schreibt, die Tragödie bewirke durch Jammer und Schaudern, eleos und phobos, eine Reinigung von eben diesen Empfindungen. Umstritten ist seit der Renaissance, was „Reinigung“ meint: ein Ausleben der Gefühle, ein Mäßigen oder ein Klären.
Für die Praxis wichtiger ist ein anderer Punkt derselben Schrift. Aristoteles verlangt, dass der Held weder makellos noch schlecht sein darf, sondern durch einen Fehler fällt, hamartia. Ein makelloser Held erzeugt Empörung, ein schlechter Genugtuung; nur der mittlere Fall erzeugt Anteilnahme. Wer wissen will, warum ein Drama funktioniert, findet hier die brauchbarste Antwort der Literaturgeschichte.
Komödie, Lyrik und Geschichtsschreibung
Die Komödie war in Athen ein politisches Format. Aristophanes (etwa 446–386 v. Chr.) verspottete lebende Zeitgenossen mit Namen, in „Die Wolken“ trifft es Sokrates, in „Lysistrata“ verweigern die Frauen den Männern den Beischlaf, bis diese den Krieg beenden. Dass so etwas öffentlich aufgeführt wurde, sagt einiges über die athenische Demokratie.
Die Lyrik hieß so, weil sie zur Lyra gesungen wurde. Ihre bekannteste Stimme ist Sappho von Lesbos, um 600 v. Chr., von deren Werk fast nur Bruchstücke erhalten sind, oft wenige Zeilen auf Papyrusfetzen. Was übrig ist, gehört zum Genauesten, was über Verliebtheit geschrieben wurde.
Die Geschichtsschreibung beginnt mit Herodot (etwa 484–425 v. Chr.), der die Perserkriege erzählt und dabei alles aufnimmt, was ihm unterwegs berichtet wurde, auch Unglaubliches. Thukydides (etwa 460–400 v. Chr.) macht daraus wenig später eine strengere Wissenschaft: Er trennt Bericht von Gerücht und begründet seine Quellen. Beide Verfahren, erzählen und prüfen, haben bis heute Nachfolger.
Die römische Literatur
Die Römer haben die griechischen Formen übernommen und sich dessen nie geschämt; Horaz schreibt, das eroberte Griechenland habe den wilden Sieger erobert. Aber sie haben die Formen verändert und eigene hinzugefügt.
Vergil und das Nationalepos
Die Äneis (um 19 v. Chr.) erzählt, wie der Troianer Äneas nach dem Fall seiner Stadt nach Italien gelangt und dort die Linie begründet, aus der Rom hervorgeht. Das ist ein politisches Werk: Es legitimiert das Kaiserhaus des Augustus, indem es ihm eine Abstammung aus dem Mythos gibt.
Vergil starb, bevor er die Überarbeitung abschließen konnte, und verfügte, das Werk zu verbrennen. Augustus setzte sich darüber hinweg, ein Vorgang, der sich zweitausend Jahre später bei Kafka und Max Brod wiederholt.
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Ovid und die Metamorphosen
Ovid (43 v. Chr., 17 n. Chr.) sammelt in den Metamorphosen rund 250 Verwandlungssagen und verkettet sie zu einem durchlaufenden Werk, von der Erschaffung der Welt bis zu Caesar. Daphne wird zum Lorbeer, Narziss zur Blume, Arachne zur Spinne. Wenn in der europäischen Malerei ein antiker Mythos dargestellt wird, stammt er in aller Regel aus diesem Buch.
Ovid wurde 8 n. Chr. von Augustus ans Schwarze Meer verbannt und kam nie zurück. Die Gründe sind bis heute unklar; er selbst nennt „ein Gedicht und einen Fehler“.
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Horaz, Seneca und die ersten Romane
Horaz (65–8 v. Chr.) formuliert in einer seiner Oden den Rat, den Tag zu pflücken und dem folgenden nicht zu trauen, carpe diem. Der Satz wandert durch die Jahrhunderte und wird im Barock zu einer der drei Leitformeln. Von Horaz stammt außerdem die Forderung, Dichtung solle nützen und erfreuen, an der sich die Aufklärung orientiert.
Seneca (4 v. Chr., 65 n. Chr.) schrieb Tragödien, die für die Lektüre und nicht für die Bühne gedacht waren, sowie Briefe über Lebensführung, die heute noch verkauft werden. Er war Erzieher Neros, wurde von diesem zum Selbstmord gezwungen und ist damit ein Beispiel dafür, wie eng Literatur und Macht in Rom beieinanderlagen.
Der interessanteste römische Beitrag ist der Roman. Petronius’ „Satyricon“ aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., nur bruchstückhaft erhalten, schildert das Treiben zweier Herumtreiber und enthält mit dem Gastmahl des Trimalchio eine der besten Satiren auf Neureichtum, die es gibt. Apuleius’ „Der goldene Esel“ aus dem 2. Jahrhundert erzählt von einem Mann, der sich versehentlich in einen Esel verwandelt, und ist der einzige vollständig erhaltene lateinische Roman.
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Marc Aurel
Die „Selbstbetrachtungen“ des Kaisers Marc Aurel (121–180 n. Chr.) sind ein Sonderfall: Notizen, die nie für Leser bestimmt waren, geschrieben in griechischer Sprache während der Feldzüge an der Donau. Ein Herrscher der größten Macht seiner Zeit ermahnt sich darin, geduldig zu sein und nicht zu jammern. Das Buch verkauft sich bis heute in hohen Auflagen, was einiges darüber sagt, wie wenig sich an den Grundproblemen geändert hat.
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Die Übersetzung entscheidet
Bei keiner anderen Epoche hängt das Leseerlebnis so stark daran, welche Ausgabe man erwischt, und dieser Hinweis fehlt in den meisten Übersichten.
Die Versübersetzungen von Johann Heinrich Voß aus den 1780er Jahren sind die klassischen und sprachgeschichtlich bedeutend; sie klingen aber nach 1780 und nicht nach Homer. Wolfgang Schadewaldt übersetzte die Odyssee in rhythmisierte Prosa und die Ilias in Verse, sein Ton ist herber und kommt dem Original näher. Kurt Steinmann hat beide Epen in jüngerer Zeit neu übersetzt, in klar lesbaren Versen; das ist derzeit der bequemste Zugang.
Bei den Dramen gilt Ähnliches: Eine Schulausgabe mit Anmerkungsapparat nützt mehr als eine schön gestaltete Ausgabe ohne. Bei Ovid lohnt eine zweisprachige Ausgabe, auch wenn man kein Latein kann, man sieht dann wenigstens, wie kompakt das Original ist.
Was ich davon halte
Die Antike hat den Ruf, ehrwürdig und unzugänglich zu sein, und beides trifft nur zur Hälfte zu. „Antigone“ ist auf hundert Seiten lesbar und handelt von einer Frage, die man an jedem Abendbrottisch verhandeln kann: Gilt das Gesetz oder das Gewissen. Die „Ilias“ dagegen ist ein zäher Brocken, und ich halte es für unehrlich, das nicht zu sagen, wer sie als Einstieg wählt, hört meistens im dritten Gesang auf.
Am meisten unterschätzt finde ich Euripides. Seine Medea ist keine Sagenfigur, sondern eine Frau in einer nachvollziehbaren Lage, die etwas Unverzeihliches tut. Dass jemand vor zweieinhalbtausend Jahren so genau über Kränkung schreiben konnte, hat mich mehr überrascht als alles andere in dieser Epoche.
Häufige Fragen
Von wann bis wann dauerte die literarische Antike?
Üblicherweise rechnet man von etwa 800 v. Chr., als die homerischen Epen entstanden, bis rund 600 n. Chr. Das Ende ist eine Konvention, man setzt es meist beim Übergang zum Mittelalter an, als die weströmischen Strukturen verschwunden und christliche Schreibschulen an ihre Stelle getreten waren.
Was ist der Unterschied zwischen griechischer und römischer Literatur?
Die Griechen erfinden die Gattungen, die Römer übernehmen und verfeinern sie, geben ihnen aber eine andere Richtung. Griechische Literatur fragt nach dem Verhältnis von Mensch und Schicksal, römische stärker nach dem Verhältnis von Einzelnem und Staat. Eigenständig römisch sind die Satire und der Roman.
Was bedeutet Katharsis?
Aristoteles verwendet den Begriff in der „Poetik“ für die Wirkung der Tragödie: Sie bewirke durch Jammer und Schaudern eine Reinigung von diesen Empfindungen. Ob damit ein Ausleben, ein Mäßigen oder ein Klären gemeint ist, wird seit der Renaissance diskutiert und ist nicht abschließend geklärt.
Warum sind so wenige Werke erhalten?
Weil Überlieferung Abschreiben bedeutet. Ein Text überlebte nur, wenn ihn über Jahrhunderte hinweg jemand kopierte, in der Spätantike, dann in byzantinischen und arabischen Bibliotheken, dann in mittelalterlichen Klöstern. Von den geschätzt über neunzig Stücken des Sophokles sind sieben erhalten, von Sapphos Werk fast nichts.
Womit sollte man anfangen?
Mit „Antigone“ von Sophokles, rund hundert Seiten, sofort verständlich, und der Konflikt trägt bis heute. Danach die „Odyssee“, weil sie Handlung hat. Die „Ilias“ und die „Äneis“ lohnen sich, verlangen aber Ausdauer und eine gute Übersetzung.
Weiterlesen
Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Danach folgt das Mittelalter, das antikes Wissen in Klöstern bewahrt, und die Renaissance, die es wiederentdeckt. Wie stark die Antike als Vorbild wirkt, zeigt sich am deutlichsten in der Weimarer Klassik, die ihre Stoffe fast ausschließlich dort holt. Welche antiken Werke bis heute die höchsten Auflagen erreichen, steht in unserer Liste der meistverkauften Bücher.
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