Mittelalter (ca. 600 – 1500): Die Epoche der Ritter, Minnesänger und mystischen Schriften

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Das Wichtigste in Kürze

  • Das literarische Mittelalter umfasst rund neunhundert Jahre, etwa von 600 bis 1500. Für die deutsche Literatur teilt man es in drei Sprachstufen: Althochdeutsch (750–1050), Mittelhochdeutsch (1050–1350) und Frühneuhochdeutsch (ab 1350).
  • Die Blütezeit ist kurz: Zwischen etwa 1170 und 1250 entstehen fast alle Werke, die heute noch gelesen werden: Nibelungenlied, Parzival, Tristan, der Minnesang Walthers von der Vogelweide.
  • Die meisten Texte sind anonym. Autorschaft im heutigen Sinn gibt es nicht; ein Dichter bearbeitet überlieferten Stoff, er erfindet ihn nicht.
  • Der Minnesang ist kein Liebestagebuch, sondern ein Rollenspiel mit festen Regeln. Die Dame bleibt unerreichbar, das ist die Voraussetzung, nicht das Problem.
  • Literatur wurde gehört, nicht gelesen. Vorgetragen wurde vor Publikum, meist gesungen; Lesen konnten wenige.
  • Jeder Text existiert nur, weil ihn jemand abgeschrieben hat. Das Hildebrandslied ist auf den Innenseiten eines theologischen Buchs erhalten: Pergament war zu teuer, um es für Dichtung zu verwenden.
  • Das Etikett „finsteres Mittelalter“ stammt aus der Renaissance und diente dazu, die eigene Zeit heller aussehen zu lassen.

Warum das Mittelalter anders funktioniert als jede spätere Epoche

Wer mittelalterliche Literatur liest, muss drei moderne Selbstverständlichkeiten ablegen.

Es gibt keinen festen Text. Jede Abschrift ist eine Bearbeitung. Vom Nibelungenlied existieren über dreißig Handschriften, die sich in Umfang und Wortlaut unterscheiden, welche die „richtige“ ist, lässt sich nicht sagen. Die Ausgabe, die man heute kauft, ist die Entscheidung eines Herausgebers des 19. oder 20. Jahrhunderts.

Es gibt kaum Originalität als Wert. Ein Dichter beweist sein Können daran, wie er einen bekannten Stoff neu formt, nicht daran, dass er ihn erfindet. Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach bearbeiten französische Vorlagen und sagen das ausdrücklich.

Es gibt kein Privatlesen. Texte wurden am Hof vorgetragen, oft über mehrere Abende. Das erklärt die Wiederholungen, die Rückgriffe und die eingeschobenen Zusammenfassungen, das Publikum musste wieder hineinfinden.

Althochdeutsche Zeit (750–1050)

Aus den ersten Jahrhunderten ist wenig erhalten, und was erhalten ist, verdankt sich Zufällen.

Das Hildebrandslied von etwa 830 ist das älteste erhaltene deutsche Heldenlied: Vater und Sohn stehen sich als Gegner im Zweikampf gegenüber, der Vater erkennt den Sohn, der Sohn glaubt ihm nicht. Der Text bricht mitten im Kampf ab, weil auf der Seite des Codex kein Platz mehr war. Wie es ausgeht, weiß niemand.

Die Merseburger Zaubersprüche, aufgezeichnet im 10. Jahrhundert, sind die einzigen erhaltenen deutschen Texte mit ausdrücklich heidnischem Inhalt, der eine löst Fesseln, der andere heilt ein verrenktes Pferdebein und nennt dabei germanische Gottheiten. Dass ein Mönch sie aufschrieb, ist erstaunlich genug.

Otfrid von Weißenburg verfasste um 870 ein Evangelienbuch in deutschen Versen und führte dabei den Endreim ein, der den germanischen Stabreim ablöste. Wir reimen bis heute, weil er sich damals durchgesetzt hat.

Die höfische Blütezeit (1170–1250)

Innerhalb von zwei Generationen entsteht fast alles, was vom deutschen Mittelalter geblieben ist. Voraussetzung ist eine neue Trägerschicht: Ritter und Fürstenhöfe, die sich eine eigene Kultur leisten und dafür Dichter beschäftigen.

Das Nibelungenlied (um 1200)

Ein anonymer Dichter formt aus jahrhundertealtem Sagenstoff ein Epos in zwei Hälften. In der ersten hilft Siegfried dem Burgunderkönig Gunther, gewinnt Kriemhild, wird durch Hagen ermordet. In der zweiten heiratet Kriemhild den Hunnenkönig Etzel und lädt ihre Brüder zu einem Fest, das mit der Vernichtung des gesamten Burgundergeschlechts endet.

Bemerkenswert ist die Konsequenz. Kriemhild verwandelt sich von der umworbenen Königstochter in eine Frau, die für ihre Rache alles hinnimmt, ihre Familie, ihr Kind, sich selbst. Der Text bewertet das nicht; er berichtet, und der Schluss lässt niemanden übrig, der recht hätte. Wer das Nibelungenlied für ein Heldenepos hält, hat die zweite Hälfte nicht gelesen.

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„Parzival“ von Wolfram von Eschenbach (um 1200–1210)

Ein Junge wächst abgeschieden im Wald auf, weil die Mutter ihn vom Rittertum fernhalten will, und zieht trotzdem los. Er tut alles falsch, was man falsch machen kann: Er tötet aus Unwissenheit, er kränkt aus Unwissenheit, und als er auf der Gralsburg den kranken König sieht, stellt er die entscheidende Frage nicht, weil man ihm beigebracht hat, dass Fragen unhöflich sei.

Genau darum geht das Buch. Regeln zu befolgen reicht nicht; man muss verstehen, wofür sie da sind. Parzival braucht Jahre und einen zweiten Anlauf, bis er die Frage stellt. Von allen mittelalterlichen Texten ist das der, dessen Aufbau am modernsten wirkt, ein Entwicklungsroman dreihundert Jahre vor der Erfindung des Romans.

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„Tristan“ von Gottfried von Straßburg (um 1210)

Die Geschichte von Tristan und Isolde, die durch einen versehentlich getrunkenen Liebestrank aneinander gebunden werden, obwohl Isolde Tristans Onkel heiraten soll. Gottfried erzählt eine Liebe, die gegen jede gesellschaftliche und religiöse Ordnung steht, und ergreift dabei erkennbar Partei für sie.

Das war heikel genug, dass der Text unvollendet blieb; ob Gottfried starb oder aufgab, weiß man nicht. Sprachlich ist er der eleganteste Dichter seiner Zeit, was auch in Übersetzung noch durchkommt.

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Walther von der Vogelweide und der Minnesang

Der Minnesang folgt Regeln, die man kennen muss, sonst wirkt er monoton. In der Hohen Minne besingt ein Sänger eine verheiratete, höhergestellte Dame, die ihn nicht erhören darf und soll. Die Unerfüllbarkeit ist der Sinn der Sache: Der Sänger veredelt sich am Dienst. Das ist eine Rolle, kein Bekenntnis, dieselben Dichter sangen für verschiedene Höfe.

Walther von der Vogelweide (etwa 1170–1230) ist der Einzige, der aus diesem System ausbricht. Sein Lied „Under der linden“ lässt eine junge Frau selbst erzählen, wie sie sich mit ihrem Geliebten auf einer Wiese getroffen hat, heiter, konkret, ohne Standesgefälle. Daneben schrieb er politische Spruchdichtung und griff darin Papst und Fürsten direkt an, was ihn zum ersten deutschen Autor mit erkennbar eigener Meinung macht.

Überliefert ist der Minnesang vor allem in der Manessischen Liederhandschrift, entstanden um 1300 in Zürich: 140 Dichter, 137 ganzseitige Bilder. Sie ist die schönste deutsche Handschrift des Mittelalters und liegt heute in Heidelberg.

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Europa: Dante, Boccaccio, Chaucer

Parallel entsteht außerhalb des deutschen Sprachraums Literatur, die den weiteren Verlauf stärker prägt als alles Deutsche dieser Zeit.

Dantes „Göttliche Komödie“ (1307–1321) führt den Erzähler durch Hölle, Fegefeuer und Paradies, geschrieben nicht auf Latein, sondern auf Italienisch, was die Volkssprache literaturfähig machte. Boccaccios „Decamerone“ (um 1350) lässt zehn junge Leute, die vor der Pest aufs Land geflohen sind, hundert Geschichten erzählen; aus der dritten Geschichte des ersten Tages stammt die Ringparabel, die Lessing über vierhundert Jahre später in „Nathan der Weise“ übernimmt. Chaucers „Canterbury Tales“ (Ende 14. Jahrhundert) tun dasselbe für das Englische.

Spätmittelalter und das Ende der Epoche

Ab etwa 1350 verschiebt sich die Trägerschicht vom Hof in die Stadt. An die Stelle des Minnesangs tritt der Meistersang der Handwerkerzünfte, mit Prüfungsordnung und Regelwerk. Es entstehen Fastnachtsspiele, Schwanksammlungen und erste Prosaromane: Literatur wird bürgerlicher und derber.

Das Ende der Epoche hat ein Datum: Um 1450 druckt Johannes Gutenberg in Mainz mit beweglichen Lettern. Von da an ist ein Text nicht mehr ein einmaliges, handgeschriebenes Objekt, sondern beliebig vervielfältigbar. Was daraus folgt, gehört in die Renaissance.

Was ich davon halte

Das Mittelalter ist die Epoche mit der größten Kluft zwischen Ruf und Inhalt. Man erwartet fromme Erbaulichkeit und findet im „Tristan“ eine Verteidigung des Ehebruchs, im Nibelungenlied einen Rachefeldzug ohne moralische Auflösung und bei Walther offene Papstkritik.

Was ich für die schwierigste Hürde halte, ist nicht die Sprache, sondern die Erwartung an Figuren. Mittelalterliche Helden haben kein Innenleben im modernen Sinn; sie handeln, und man erfährt nicht, wie sie sich dabei fühlen. Wer das als Mangel liest, kommt nicht hinein. Wer es als andere Konvention akzeptiert, findet in „Parzival“ das interessanteste Buch der deutschen Literatur vor Goethe.

Praktischer Rat: zweisprachige Ausgaben nehmen. Mittelhochdeutsch links, Übersetzung rechts, man liest die Übersetzung und schaut hin und wieder hinüber. Nach zwanzig Seiten erkennt man mehr, als man erwartet hätte.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch?

Es sind Sprachstufen, keine Dialekte. Althochdeutsch (750–1050) ist ohne Übersetzung praktisch unlesbar. Mittelhochdeutsch (1050–1350) erschließt sich mit etwas Übung teilweise, „under der linden an der heide“ versteht man auf Anhieb. Um 1350 beginnt das Frühneuhochdeutsche, aus dem über Luther unsere heutige Schriftsprache hervorgeht.

Was bedeutet Hohe Minne?

Die kunstvolle Verehrung einer unerreichbaren, meist verheirateten und höhergestellten Dame. Die Erfüllung ist ausgeschlossen; der Sänger gewinnt durch den Dienst an Wert. Es handelt sich um eine literarische Rolle, nicht um einen biografischen Bericht. Die Gegenform, die Niedere Minne, spielt in ländlicher Umgebung und lässt Erfüllung zu.

Warum sind so viele Werke anonym?

Weil Autorschaft kein Wert war. Wer einen überlieferten Stoff bearbeitete, verstand sich als Vermittler, nicht als Schöpfer. Namen sind meist nur überliefert, wenn ein Dichter sich selbst im Text nennt: Wolfram und Gottfried tun das, der Verfasser des Nibelungenlieds nicht.

War das Mittelalter wirklich „finster“?

Der Ausdruck stammt von Renaissance-Humanisten, die ihre eigene Zeit als Wiedergeburt darstellen wollten und die tausend Jahre davor entsprechend dunkel färbten. Tatsächlich fallen in diese Zeit die Gründung der Universitäten, die Gotik und eine hoch entwickelte Buchkultur. Dass die meisten Menschen nicht lesen konnten, stimmt, das galt bis ins 19. Jahrhundert.

Womit sollte man anfangen?

Mit Walthers Liedern, weil sie kurz sind und in zweisprachiger Ausgabe sofort funktionieren. Für ein ganzes Werk das Nibelungenlied in Prosaübersetzung, die Handlung trägt auch ohne Verse. „Parzival“ ist der lohnendste, aber auch längste Einstieg.

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Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Davor liegt die Antike, deren Texte in mittelalterlichen Klöstern abgeschrieben und dadurch überliefert wurden. Danach folgt die Renaissance. Wie stark die Romantik das Mittelalter später verklärt hat, ist ein eigenes Kapitel, die romantische Ritterbegeisterung hat mit dem historischen Mittelalter wenig zu tun.

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