Biedermeier und Vormärz (1815-1848)

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Das Wichtigste in Kürze

  • Biedermeier und Vormärz sind keine aufeinanderfolgenden Epochen, sondern zwei gleichzeitige Antworten auf dieselbe Lage, beide zwischen 1815 und 1848.
  • Die Lage heißt Restauration: Nach dem Wiener Kongress von 1815 stellen die Fürsten die vorrevolutionäre Ordnung wieder her. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819 bringen Zensur, Überwachung der Universitäten und Verfolgung politisch Aktiver.
  • Das Biedermeier zieht sich daraufhin ins Private zurück: Familie, Garten, Handwerk, kleine Ordnung. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil öffentliches Engagement gefährlich geworden ist.
  • Der Vormärz tut das Gegenteil und schreibt gegen die Verhältnisse an. Fast alle seine Autoren landen im Exil, im Gefängnis oder auf Fahndungslisten.
  • Der Name „Vormärz“ kommt von der Märzrevolution 1848, die Epoche ist also nach dem Ereignis benannt, auf das sie zuläuft.
  • Georg Büchners „Woyzeck“ ist das erste deutsche Drama mit einer Hauptfigur aus der Unterschicht. Es nimmt den Naturalismus um fünfzig Jahre vorweg.
  • „Biedermeier“ war ursprünglich ein Spottname: eine erfundene Figur, der spießige Schulmeister Gottlieb Biedermaier aus einer Münchner Satirezeitschrift.

Die gemeinsame Ausgangslage

1815 ordnet der Wiener Kongress Europa neu, und zwar rückwärts. Die Fürsten kehren zurück, der Deutsche Bund ersetzt jede Hoffnung auf einen Nationalstaat, von Verfassung und Pressefreiheit ist keine Rede mehr. Wer zwischen 1813 und 1815 in den Befreiungskriegen für ein anderes Deutschland gekämpft hat, steht mit leeren Händen da.

1819 folgen die Karlsbader Beschlüsse. Jede Druckschrift unter zwanzig Bogen muss vor Erscheinen zensiert werden, Burschenschaften werden verboten, an den Universitäten überwachen Regierungsbevollmächtigte die Professoren. Der Begriff der Demagogenverfolgung stammt aus dieser Zeit.

Auf diese Lage kann man zweierlei antworten: das Feld räumen und sich einrichten, oder dagegenhalten und die Konsequenzen tragen. Beide Antworten sind gegeben worden, oft von Autoren, die einander kannten.

Das Biedermeier: Rückzug als Programm

Man tut dem Biedermeier unrecht, wenn man es als Gemütlichkeit abtut. Der Rückzug ins Private ist eine Reaktion auf Verhältnisse, in denen öffentliches Reden bestraft wird, und die daraus entstehende Literatur hat eine eigene, oft melancholische Strenge.

Das Leitwort heißt Entsagung: Man verzichtet auf das Große und findet im Kleinen ein Maß. Adalbert Stifter hat das in der Vorrede zu seiner Sammlung „Bunte Steine“ von 1853 zum „sanften Gesetz“ erklärt, das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers und das Wachsen der Getreide seien größer als der Blitz und der Vulkanausbruch, weil sie das Leben tatsächlich tragen.

Das ist eine ernst gemeinte Weltanschauung und keine Verharmlosung. Sie hat ihren Preis: Stifters Erzählungen sind langsam, und wer Handlung sucht, verzweifelt an ihnen.

„Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff (1842)

Die stärkste Erzählung dieser Richtung und ein Sonderfall. In einem westfälischen Dorf geschehen mehrere Morde; Friedrich Mergel, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, gerät in Verdacht und verschwindet. Nach achtundzwanzig Jahren kehrt ein Mann zurück, der sich als heimgekehrter Sklave aus türkischer Gefangenschaft ausgibt, und erhängt sich an der Buche, unter der einst der Mord an einem Juden geschah.

Der Text klärt nichts auf. Wer gemordet hat, ob der Heimkehrer Friedrich ist, was die hebräische Inschrift in der Buche bewirkt, all das bleibt offen. Droste-Hülshoff beschreibt eine Dorfgemeinschaft, in der Recht und Brauch auseinanderfallen, und verweigert die Auflösung. Das ist moderner als alles andere im Biedermeier.

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Stifter und Mörike

Adalbert Stifter schrieb mit „Der Nachsommer“ einen Roman, in dem über achthundert Seiten hinweg fast nichts geschieht: ein junger Mann besucht ein Landgut, lernt Rosenzucht, Restaurierung und Geologie und heiratet am Ende. Friedrich Hebbel setzte damals eine Krone aus für den, der das Buch zu Ende lese. Wer sich darauf einlässt, findet eine Utopie, so könnte ein Leben aussehen, wenn niemand es stört.

Eduard Mörike ist der bessere Zugang. Seine Gedichte, „Er ist’s“, „Um Mitternacht“, „Auf eine Lampe“, sind kurz, formsicher und tragen fast immer einen Riss unter der Oberfläche. Seine Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“ erzählt einen einzigen heiteren Tag und lässt dabei die ganze Zeit spüren, dass dieser Mensch bald sterben wird.

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Der Vormärz: Literatur als Angriff

Die Gegenseite versteht Dichtung als Mittel. Das lose Bündnis der jungen politischen Autoren nannte sich Junges Deutschland; der Deutsche Bundestag verbot dessen Schriften 1835 pauschal und namentlich, ein Vorgang, der die Wirkung eher steigerte.

Heinrich Heine

Heine ist der bekannteste Autor der Epoche und der schwerste einzuordnen, weil er beides kann: Romantiker und Spötter. Sein „Buch der Lieder“ von 1827 enthält Gedichte von einer Zartheit, die man später vertont hat, und dann bricht er in der letzten Strophe den Ton und macht sich über die eigene Empfindsamkeit lustig. Diese Doppelbewegung ist sein Verfahren.

1831 ging er nach Paris und kehrte nie dauerhaft zurück. „Deutschland. Ein Wintermärchen“ von 1844 schildert eine Reise durch das Land seiner Herkunft als eine Folge von Ärgernissen: Zollschranken, Uniformen, Denkmalspflege, preußische Adler. Im selben Jahr schrieb er nach dem schlesischen Weberaufstand „Die schlesischen Weber“, ein Gedicht, in dem Hungernde ein Leichentuch für Deutschland weben und dreifachen Fluch hineinfluchen.

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Georg Büchner

Büchner starb 1837 mit dreiundzwanzig Jahren an Typhus und hinterließ drei Dramen, eine Erzählung und eine Flugschrift. Er ist der radikalste Autor der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts.

Mit dem „Hessischen Landboten“ von 1834 verfasste er die schärfste politische Schrift seiner Zeit; ihr Anfang, Friede den Hütten, Krieg den Palästen, ist bis heute zitierfähig. Ein Mitverschwörer wurde verhaftet, Büchner floh nach Straßburg.

„Dantons Tod“ von 1835 zeigt die Französische Revolution aus der Perspektive derer, die sie fressen wird, und stellt die Frage, ob Geschichte überhaupt gemacht werden kann oder nur geschieht.

„Woyzeck“ blieb Fragment und ist trotzdem sein wichtigstes Stück. Ein einfacher Soldat, der sich für Geld einer Diät aus Erbsen unterzieht, von einem Arzt als Versuchsobjekt behandelt und von seinem Hauptmann belehrt wird, ersticht am Ende seine Geliebte. Erstmals steht ein Mensch aus der Unterschicht im Zentrum eines deutschen Dramas, nicht als komische Nebenfigur, sondern als tragische Hauptperson. Die Szenenfolge ist offen, ohne feste Reihenfolge, und wirkt dadurch hundert Jahre moderner, als sie ist.

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Woran man die beiden Richtungen unterscheidet

Die Zuordnung gelingt fast immer über drei Fragen.

Wo spielt der Text? Biedermeier: Haus, Garten, Dorf, Landgut. Vormärz: Straße, Grenze, Gefängnis, Ausland.

Wie verhält sich der Text zur Obrigkeit? Biedermeier: Sie kommt nicht vor. Vormärz: Sie ist der Gegner und wird benannt.

Welche Form? Biedermeier bevorzugt Novelle, Idylle und formstrenge Lyrik. Der Vormärz schreibt Flugschriften, politische Lyrik, Reisebilder und Dramen mit offener Szenenfolge.

Was ich davon halte

Von allen Epochen ist das die, deren Aufteilung im Unterricht am meisten schadet. Man behandelt Biedermeier als brav und Vormärz als aufrührerisch, und damit ist der Fall erledigt. Tatsächlich sind das zwei Umgangsformen mit derselben Ohnmacht, und keine davon ist die feige: Stifters Rückzug ist eine Entscheidung, keine Charakterschwäche.

Büchner halte ich für den größten Verlust der deutschen Literaturgeschichte. Was jemand, der mit dreiundzwanzig „Woyzeck“ schreibt, mit vierzig geschrieben hätte, kann man nicht wissen, aber die drei Stücke, die es gibt, wirken neben allem anderen aus dieser Zeit wie aus einem anderen Jahrhundert. Wer nur einen Text der Epoche liest, sollte diesen nehmen; er hat kaum sechzig Seiten.

Häufige Fragen

Sind Biedermeier und Vormärz zwei Epochen oder eine?

Beides ist vertretbar. Sie umfassen dieselben Jahre, 1815 bis 1848, und werden deshalb oft gemeinsam behandelt. Inhaltlich sind sie Gegensätze. Für Klausuren empfiehlt sich, sie als zwei Strömungen innerhalb einer Zeitspanne zu beschreiben, so vermeidet man beide Fehler.

Woher kommt der Name Biedermeier?

Von einer Kunstfigur: Der fiktive schwäbische Schulmeister Gottlieb Biedermaier erschien ab 1855 in den Münchner „Fliegenden Blättern“ als Verkörperung des spießigen Kleinbürgers. Der Begriff war also von Anfang an spöttisch gemeint und wurde erst später zur neutralen Epochenbezeichnung.

Was war das Junge Deutschland?

Ein loser Zusammenhang politisch engagierter Autoren um 1830, darunter Karl Gutzkow, Heinrich Laube und Ludolf Wienbarg; Heine und Börne standen ihm nahe. Der Deutsche Bundestag verbot 1835 die Schriften der namentlich genannten Autoren. Ein Programm im engeren Sinn hatte die Gruppe nie.

Warum gilt „Woyzeck“ als so wichtig?

Weil es drei Dinge zuerst tut: Es macht einen Angehörigen der Unterschicht zur tragischen Hauptfigur, es zeigt seelische Zerrüttung als Folge sozialer Umstände, und es verzichtet auf eine geschlossene Handlungsfolge. Alle drei Merkmale werden erst im Naturalismus und in der Moderne Standard.

Womit sollte man anfangen?

Mit „Woyzeck“, wenn es kurz und stark sein soll. Mit „Die Judenbuche“, wenn du eine Erzählung willst, die dich nach dem Lesen nicht in Ruhe lässt. Heines „Wintermärchen“ ist der unterhaltsamste Zugang, verlangt aber ein wenig Kenntnis der damaligen Verhältnisse.

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Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Parallel läuft die späte Romantik, danach folgt der Realismus, der aus derselben Enttäuschung über 1848 hervorgeht. Wie ein halbes Jahrhundert früher über Freiheit geschrieben wurde, zeigt der Beitrag zum Sturm und Drang.

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