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Das Wichtigste in Kürze
- „Tschick“ lebt von vier Dingen: der lakonischen Ich-Stimme, dem Sommer, in dem alles kippt, einer Freundschaft ohne große Worte und einem Humor, unter dem Traurigkeit liegt.
- Wer die Stimme sucht, liest „Auerhaus“ von Bov Bjerg oder „Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger.
- Wer den Sommer sucht, liest „Der große Sommer“ von Ewald Arenz oder „Hard Land“ von Benedict Wells.
- Wer den naiven Blick auf eine Welt sucht, die der Erzähler noch nicht durchschaut, liest „Der Trafikant“ von Robert Seethaler.
- Für die Schule eignen sich „Auerhaus“ und „Der Fänger im Roggen“ am besten, weil zu beiden ausreichend Material vorliegt.
Was „Tschick“ zusammenhält
„Tschick“ erschien 2010, hat sich in Deutschland über zwei Millionen Mal verkauft und ist heute in den meisten Bundesländern Klassenlektüre. Maik Klingenberg ist vierzehn, gilt in der Schule als langweilig und wird zur Geburtstagsparty von Tatjana nicht eingeladen. Seine Mutter ist in der Entzugsklinik, sein Vater mit der Assistentin unterwegs. Dann steht Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, mit einem geliehenen Lada vor der Tür, und die beiden fahren los, ohne Karte, in Richtung Walachei.
Wer nach etwas Ähnlichem sucht, meint selten „irgendein Jugendbuch über eine Reise“. Gemeint ist eines von vier Dingen, und die führen zu unterschiedlichen Büchern.
Die Stimme. Maik erzählt kurz, trocken und ohne sich zu erklären. Herrndorf verzichtet auf jede Erwachsenensprache, und die stärksten Stellen sind die, an denen der Erzähler etwas nicht ausspricht. Diese Tonlage ist das, woran sich die meisten Leser erinnern.
Der Sommer. Die Handlung dauert wenige Wochen und ändert alles. Der Sommer als Zeitrahmen einer Verwandlung ist eine eigene Erzähltradition, und sie funktioniert auch ohne gestohlenes Auto.
Die Freundschaft. Maik und Tschick reden über nichts Wichtiges und stehen trotzdem füreinander ein. Wer das gesucht hat, will keine Liebesgeschichte.
Der doppelte Boden. Das Buch ist komisch, und unter dem Komischen liegt der Umstand, dass sich um beide Jungen niemand kümmert. Herrndorf schreibt das nie aus, und genau deshalb wirkt es.
Sechs Bücher, sortiert nach dem, was du suchst
1. „Der große Sommer“ von Ewald Arenz
Frieder ist sechzehn, hat zwei Nachprüfungen und verbringt die Ferien bei seinen Großeltern statt am See. Der Großvater ist ein pensionierter Pathologe mit festen Regeln, die Großmutter ist die Person, mit der man reden kann. Dann sind da noch Beate und der Freund Johann, und der Sommer wird ein anderer als geplant.
Warum ähnlich: Derselbe Rahmen und ein sehr ähnlicher Ton. Ein Junge in dem Alter, in dem alles zum ersten Mal passiert, ein Sommer als abgeschlossener Zeitraum und ein Erzähler, der leicht klingt und Ernstes mitteilt. Arenz hat außerdem dieselbe Gabe für den kurzen, treffenden Satz.
Was anders ist: Bei Arenz gibt es Erwachsene, die sich kümmern. Der Großvater ist streng und anwesend, und genau daran fehlt es in „Tschick“ vollständig. Der Roman ist wärmer und verzichtet auf die Wut, die bei Herrndorf mitläuft.
Für wen: Für Leser ab etwa fünfzehn und für Erwachsene, die den Ton wollen und ein versöhnlicheres Buch vertragen. Rund dreihundert Seiten und der zugänglichste Titel dieser Liste.
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2. „Hard Land“ von Benedict Wells
Missouri, 1985. Sam ist fünfzehn, hat keine Freunde und nimmt einen Ferienjob in einem heruntergekommenen Kino an, um nicht zu Hause sein zu müssen, wo die Mutter krank ist. Dort trifft er drei Ältere, und aus dem Sommer wird der, an den er sich sein Leben lang erinnert.
Warum ähnlich: Dieselbe Konstruktion aus Sommer, Freundschaft und einem Erzähler, der zurückblickt. Wells arbeitet wie Herrndorf mit kurzen Kapiteln und einem Ich-Erzähler, der die eigene Lage herunterspielt. Der Satz, mit dem der Roman beginnt, nennt schon das Ende, und der Leser liest trotzdem weiter.
Was anders ist: Wells lässt Gefühle zu, wo Herrndorf abblendet. Es gibt eine Liebesgeschichte, einen Todesfall im Zentrum und eine Melancholie, die offen ausgesprochen wird. Der Roman spielt zudem in den USA der achtziger Jahre und lebt von deren Musik und Filmen.
Für wen: Für Leser, die den Sommer suchen und eine deutliche Traurigkeit annehmen. Ab etwa fünfzehn, häufig auch als Lektüre in Klasse 10.
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3. „Auerhaus“ von Bov Bjerg
Höppner zieht mit Frieder in ein leerstehendes Haus auf dem Dorf, weil Frieder gerade einen Suizidversuch hinter sich hat und nicht allein sein soll. Nach und nach kommen weitere dazu. Sie machen Abitur, kochen schlecht, klauen im Supermarkt und halten Frieder am Leben, so gut sie können.
Warum ähnlich: Von den sechs Titeln kommt dieser der Erzählstimme am nächsten. Kurze Sätze, trockener Witz, ein Ich-Erzähler, der das Schwerste beiläufig erwähnt, und eine Gruppe Jugendlicher, um die sich kein Erwachsener kümmert. Wer bei „Tschick“ gemerkt hat, dass der Humor die Traurigkeit nur zudeckt, findet das hier wieder.
Was anders ist: Bjerg spielt in den achtziger Jahren auf dem schwäbischen Land, die Figuren sind älter und stehen vor dem Abitur. Und das Buch geht weiter, als Herrndorf geht: Der Suizid ist von der ersten Seite an das Thema und wird nicht abgewendet.
Für wen: Für Leser ab etwa sechzehn und für die Oberstufe. Rund zweihundertfünfzig Seiten. Wer das Buch an Jugendliche weitergibt, sollte das Thema vorher ansprechen.
4. „Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger
Holden Caulfield ist sechzehn, gerade von der vierten Schule geflogen und treibt sich drei Tage lang durch New York, weil er sich nicht nach Hause traut. Er redet ununterbrochen und über fast alles, nur über das eine nicht, was ihn beschäftigt.
Warum ähnlich: Das ist der Urahn dieser Erzählform. Ein Jugendlicher spricht direkt zum Leser, verachtet die Erwachsenenwelt und verrät zwischen den Zeilen mehr, als er sagen will. Herrndorf hat den Bezug nie bestritten, und Maik ist Holden ohne dessen Bitterkeit.
Was anders ist: Holden bleibt allein. Es gibt keinen Tschick, keine Reise mit einem Ziel und keinen Trost am Ende. Der Roman von 1951 wirkt sprachlich älter, und seine Übersetzungsgeschichte ist selbst ein Thema: Die Fassung von Eike Schönfeld aus dem Jahr 2003 liest sich deutlich frischer als die ältere.
Für wen: Für Leser ab etwa fünfzehn und als Vergleichstext im Unterricht. Rund zweihundertsechzig Seiten. Achte beim Kauf auf die neuere Übersetzung.
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5. „Eine wie Alaska“ von John Green
Miles wechselt auf ein Internat in Alabama, weil er ein größeres Leben sucht. Dort trifft er Alaska Young, die belesen, laut und unberechenbar ist. Der Roman zählt in Tagen auf ein Ereignis zu und danach wieder von ihm weg.
Warum ähnlich: Dieselbe Altersgruppe, dieselbe Mischung aus Übermut und Verlust. Auch hier ist die Freundschaft wichtiger als die Liebesgeschichte, auch hier gibt es einen Sommer, nach dem nichts mehr wie vorher ist, und auch hier reden Jugendliche klüger, als Erwachsene ihnen zutrauen.
Was anders ist: Green erklärt mehr. Seine Figuren führen Gespräche über den Sinn des Lebens, die bei Herrndorf undenkbar wären, und der Roman arbeitet mit einer offen ausgestellten Symbolik. Wer die Kargheit von „Tschick“ mochte, wird das als zu viel empfinden.
Für wen: Für Leser zwischen vierzehn und achtzehn, die das Gefühl suchen und mehr Gespräch vertragen. Greens Debüt von 2005 und in vielen Schulbibliotheken vorhanden.
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6. „Der Trafikant“ von Robert Seethaler
Franz ist siebzehn, kommt 1937 aus dem Salzkammergut nach Wien und arbeitet in einer Tabaktrafik. Zu den Kunden gehört Sigmund Freud, dem der Junge Fragen über die Liebe stellt. Draußen bereitet sich der Anschluss Österreichs vor, und Franz merkt es zuletzt.
Warum ähnlich: Dieselbe naive Perspektive auf eine Welt, die der Erzähler noch nicht durchschaut. Auch hier ist der Held ein Jugendlicher ohne Anleitung, auch hier trifft er unterwegs Leute, die ihn prägen, und auch hier liegt die Wirkung in dem, was der Text auslässt.
Was anders ist: Seethaler erzählt in der dritten Person und verlegt die Geschichte in die Zeit vor dem Krieg. Der Humor ist leiser, das Tempo langsamer, und das Ende ist bitter. Ein Roadtrip findet nicht statt.
Für wen: Für Leser ab etwa sechzehn und für den Deutschunterricht, wenn ein historischer Bezug gefragt ist. Rund zweihundertfünfzig Seiten.
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Wenn du bei Wolfgang Herrndorf bleiben willst
Herrndorf hat nach „Tschick“ nur noch wenig veröffentlicht. „Sand“ erschien 2011, spielt 1972 in Nordafrika und ist ein verschachtelter Thriller über einen Mann ohne Gedächtnis. Er bekam dafür den Preis der Leipziger Buchmesse und ist das anspruchsvollste seiner Bücher.
„Bilder deiner großen Liebe“ erschien 2014 aus dem Nachlass und erzählt aus der Sicht von Isa, der Figur von der Müllkippe. Der Roman blieb unvollendet. „Arbeit und Struktur“ ist das Tagebuch, das Herrndorf ab der Diagnose seines Hirntumors 2010 als Blog führte. Er starb im August 2013. Wer „Tschick“ mochte und wissen will, wer das geschrieben hat, findet die Antwort dort und sollte wissen, worauf er sich einlässt.
Was ich von „Tschick“ halte
„Tschick“ ist eines von drei Büchern, die ich in der Schule lesen musste und danach freiwillig noch einmal gelesen habe. Was mich beim zweiten Mal überrascht hat, ist die Bauweise: Der Roman beginnt auf der Polizeiwache und erzählt von dort zurück, sodass man die ganze Zeit weiß, dass es schiefgeht. Trotzdem liest man weiter, weil einen die Stimme hält.
Die beste Szene ist für mich die mit Isa auf der Müllkippe, und zwar weil nichts passiert, was in einem Jugendbuch passieren müsste. Herrndorf lässt die Gelegenheit ungenutzt und macht daraus die ehrlichste Stelle des Buches.
Was ich einschränke: Die Sprechweise der Figuren war schon 2010 leicht altmodisch und wirkt heute deutlicher datiert. Jugendliche merken das. Für den Unterricht ist es kein Problem, für die private Empfehlung an einen Vierzehnjährigen manchmal schon.
Drei Titel, die überall empfohlen werden und hier fehlen
„Die Outsider“ von S. E. Hinton. Steht in vielen Listen, weil es ebenfalls von Jugendlichen ohne Aufsicht handelt. Der Roman von 1967 erzählt aber von Bandenkonflikten in Oklahoma und ist im Ton pathetisch, wo Herrndorf trocken bleibt. Als Schullektüre im Englischunterricht sinnvoll, als Anschluss an „Tschick“ schwach.
„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green. Wird genannt, weil beide Bücher bei Jugendlichen erfolgreich waren. Greens Roman ist eine Krebsgeschichte mit Liebeshandlung und zielt genau auf die Rührung, die Herrndorf vermeidet. Wer Green will, nimmt „Eine wie Alaska“.
„Die unendliche Geschichte“ und andere Kinderbuchklassiker. Tauchen auf, weil „Tschick“ in Schullisten neben ihnen steht. Die Altersgruppe stimmt ungefähr, sonst nichts.
Für die Schule
„Tschick“ wird meistens in Klasse 8 bis 10 gelesen. Die üblichen Aufgabenstellungen betreffen die Erzählperspektive, die Charakterisierung von Maik und Tschick und die Frage, warum der Roman auf der Polizeiwache beginnt. Eine ausführliche Figurenanalyse steht in unserem Beitrag Charakterisierung Tschick.
Als Vergleichstext eignet sich „Der Fänger im Roggen“, weil sich die Erzählstimmen direkt gegenüberstellen lassen. Für eine zweite Ganzschrift in der Oberstufe passt „Auerhaus“. Wer eine Schullektüre mit historischem Bezug braucht, findet sie im Beitrag Schullektüre der Oberstufe.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter ist „Tschick“ geeignet?
Ab etwa dreizehn. Es gibt Alkohol, einen Autodiebstahl und eine Schussverletzung, alles ohne Ausschmückung. Als Klassenlektüre ist der Roman in Klasse 8 verbreitet.
Welches Buch ist „Tschick“ am ähnlichsten?
In der Stimme „Auerhaus“, im Sommergefühl „Der große Sommer“. Beide Antworten sind richtig, je nachdem, was hängengeblieben ist.
Lohnt sich der Film von 2016?
Fatih Akins Verfilmung ist solide besetzt und hält sich an die Handlung, verliert aber genau das, was den Roman ausmacht: die Erzählstimme. Wer das Buch mochte, sollte den Film als eigenständige Fassung ansehen und keinen Ersatz erwarten.
Gibt es eine Fortsetzung?
Nein. „Bilder deiner großen Liebe“ erzählt von Isa weiter, blieb aber unvollendet und erschien nach Herrndorfs Tod. Eine Fortsetzung der Reise von Maik und Tschick gibt es nicht.
Warum heißt das Buch „Tschick“?
Nach dem Spitznamen von Andrej Tschichatschow. Der Roman heißt nach der Nebenfigur und nicht nach dem Erzähler, was eine bewusste Entscheidung ist: Maik erzählt, aber die Geschichte gehört Tschick.
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Weitere Ausgangstitel mit Anschlussempfehlungen stehen in der Übersicht Alle Bücher mit Empfehlungen. Für eine zweite Schullektüre lohnen die Seiten zu ähnlichen Büchern wie „Der Vorleser“ und zu ähnlichen Büchern wie „Die Bücherdiebin“.
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Diese Seite verantwortet Jakob Sommer. Welche Bücher ich selbst gelesen habe und wo eine Einschätzung auf Rezensionen und Verlagsangaben beruht, steht unter Die Methode.
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