Sturm und Drang (1765–1785): Epoche, Merkmale und Werke

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Das Wichtigste in Kürze

  • Der Sturm und Drang dauert nur etwa zwanzig Jahre, von 1765 bis 1785, und ist damit eine der kürzesten Epochen der deutschen Literatur.
  • Getragen wird er von sehr jungen Männern. Goethe war 24, als „Werther“ erschien, Schiller 21 bei den „Räubern“, Lenz 23 beim „Hofmeister“. Das erklärt einiges am Ton.
  • Der Name stammt von einem Drama: Friedrich Maximilian Klinger nannte sein Stück 1776 „Sturm und Drang“, und der Titel blieb an der ganzen Bewegung hängen.
  • Zentral ist der Geniebegriff. Das Genie schafft aus sich heraus und braucht keine Regeln – ein direkter Angriff auf die Regelpoetik der Aufklärung.
  • Fast alle Werke handeln vom Konflikt mit einer Vaterfigur, ob leiblicher Vater, Fürst oder gesellschaftliche Ordnung.
  • Der häufigste Klausurfehler ist die Verwechslung mit der Romantik. Merkhilfe: Im Sturm und Drang lehnt sich jemand gegen etwas auf, in der Romantik sehnt sich jemand nach etwas.
  • Die Epoche endet, als ihre beiden wichtigsten Autoren sie selbst hinter sich lassen und zur Weimarer Klassik übergehen.

Worum es im Sturm und Drang geht

Die Aufklärung hatte versprochen, dass Vernunft die Menschen frei macht. Eine Generation später sitzen dieselben Fürsten auf denselben Thronen, die Standesschranken stehen unverändert, und junge Autoren ohne Vermögen finden keine Stellung. Der Sturm und Drang ist die Antwort darauf, und sie ist nicht argumentativ, sondern laut.

An die Stelle der Vernunft treten Gefühl, Leidenschaft und Natur. Nicht als sanfte Empfindsamkeit, sondern als Kraft, die sich Bahn bricht. Der Mensch soll nicht erzogen werden, er soll sich entfalten – und wenn die Ordnung das verhindert, ist die Ordnung das Problem.

Theoretisch vorbereitet hat das Johann Gottfried Herder. Er stellt Shakespeare gegen die französische Regeltragödie: kein Zwang zu Einheit von Ort, Zeit und Handlung, keine Trennung von Tragik und Komik. Und er sammelt Volkslieder, weil er darin die ursprüngliche, ungekünstelte Dichtung sieht. Beides – Shakespeare-Verehrung und Volkstümlichkeit – prägt die ganze Epoche.

Woran man einen Text des Sturm und Drang erkennt

Die Sprache verrät die Epoche schneller als der Inhalt.

Der Satzbau bricht auf. Ausrufe, Halbsätze, Gedankenstriche, Wiederholungen. Wo die Aufklärung einen wohlgebauten Perioden setzt, steht hier ein Ausruf und dann ein Gedankenstrich.

Die Form wird zur Prosa. Dramen erscheinen in Prosa statt im Vers, weil der Vers als künstlich gilt. „Die Räuber“ und „Kabale und Liebe“ sind Prosadramen.

Die Natur ist Verbündete, nicht Kulisse. Ein Gewitter draußen entspricht dem Aufruhr drinnen. Diese Entsprechung wirkt heute plakativ, war aber neu.

Es gibt eine Vaterfigur, gegen die aufbegehrt wird. Wenn ein Text eine Autorität hat, an der sich ein junger Mensch aufreibt, und wenn dieser junge Mensch dabei untergeht – dann ist die Zuordnung fast sicher.

Die wichtigsten Werke

„Die Räuber“ von Friedrich Schiller (1781)

Zwei Brüder. Karl Moor, der begabte und beliebte, studiert auswärts. Franz, der zurückgesetzte, fälscht Briefe, um den Vater gegen Karl aufzubringen und selbst zu erben. Karl, von seiner Familie verstoßen, wird Anführer einer Räuberbande und will Gerechtigkeit mit Gewalt herstellen. Er scheitert – und zwar nicht an der Übermacht, sondern daran, dass seine Bande mordet und brandschatzt, während er von Freiheit spricht.

Genau das macht das Stück besser als seinen Ruf. Es ist kein Loblied auf die Rebellion, sondern zeigt, wie ein berechtigter Zorn in Verbrechen umschlägt. Karls letzte Handlung ist, sich einem armen Tagelöhner auszuliefern, damit der die Kopfgeldprämie bekommt – ein Rest von Ordnung, den er selbst wiederherstellt.

Schiller schrieb das Stück heimlich als Militärarzt in Stuttgart. Herzog Karl Eugen verbot ihm daraufhin bei Strafe jedes weitere Schreiben; Schiller floh. Die Uraufführung 1782 in Mannheim gilt als der größte Theaterskandal der deutschen Literaturgeschichte – Berichte sprechen von Zuschauern, die sich in den Armen lagen und schrien.

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„Die Leiden des jungen Werthers“ von Johann Wolfgang Goethe (1774)

Ein Briefroman: Werther verliebt sich in Lotte, die bereits verlobt ist, und findet keinen Weg heraus – weder in die Arbeit noch in die Gesellschaft, die ihn als Bürgerlichen ohnehin nicht aufnimmt. Am Ende erschießt er sich mit den Pistolen seines Rivalen.

Das Buch löste die erste literarische Massenerscheinung der Geschichte aus. Junge Männer kleideten sich wie die Figur, in blauem Frack und gelber Weste; es gab Werther-Tassen und Werther-Parfüm. Und es gab Nachahmungssuizide – so viele, dass die Suizidforschung den Begriff „Werther-Effekt“ bis heute für dieses Phänomen verwendet. In mehreren Städten wurde das Buch verboten.

Goethe hat sich später von der Wirkung distanziert und den Roman 1787 überarbeitet. Wer die Erstfassung liest, bekommt den schärferen Text.

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„Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller (1784)

Ferdinand, Sohn des Präsidenten, liebt Luise, die Tochter eines Musikers. Der Vater zerstört die Verbindung mit einer Intrige, Ferdinand vergiftet Luise und sich. Das Stück ist bürgerliches Trauerspiel und Sturm und Drang zugleich: Es übernimmt die Form von Lessing und füllt sie mit einer Wut, die Lessing fremd war.

Historisch am schärfsten ist eine Nebenszene: Der Kammerdiener berichtet, der Fürst habe Landeskinder als Soldaten nach Amerika verkauft, um Schmuck zu finanzieren. Das war keine Erfindung, sondern gängige Praxis deutscher Kleinstaaten.

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„Götz von Berlichingen“ von Johann Wolfgang Goethe (1773)

Ein Ritter mit eiserner Hand kämpft gegen die aufkommende Territorialherrschaft und für eine alte, unmittelbarere Ordnung. Formal ist das Stück ein Bruch mit allem, was die Regelpoetik verlangte: über fünfzig Szenen, ständige Ortswechsel, Shakespeare als offenes Vorbild. Berühmt ist es heute vor allem für ein Zitat, das man in Auszügen selten vollständig abdruckt.

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Warum die Epoche so schnell endet

Sie endet nicht an Widerstand, sondern am Erwachsenwerden ihrer Autoren. Goethe geht 1775 nach Weimar und übernimmt Verwaltungsämter; 1786 reist er nach Italien und kommt als anderer Autor zurück. Schiller nähert sich über die Beschäftigung mit Kant der Frage, wie Freiheit und Form zusammengehen. Beide gemeinsam begründen die Weimarer Klassik, die genau das Maß sucht, das der Sturm und Drang abgelehnt hatte.

Die Energie der Epoche verschwindet damit nicht. Sie taucht dreißig Jahre später in der Romantik wieder auf – nur richtet sie sich dort nicht mehr gegen die Väter, sondern ins Unendliche.

Was ich davon halte

„Die Räuber“ musste ich in der Schule lesen, und es ist von den drei Pflichtlektüren, die bei mir auf dem Plan standen, die mit dem meisten Zug. Das Stück hat ein Tempo, das man Schultexten selten zutraut, und Franz Moor ist ein besserer Bösewicht als die meisten aus der Gegenwartsliteratur – er begründet seine Bosheit, und die Begründung ist schlüssig.

Was ich einschränken würde: Die Pathosdichte ist hoch. Wer heute zum ersten Mal hineingeht, sollte wissen, dass hier niemand beiläufig redet. Das ist kein Fehler der Ausgabe, das ist die Epoche.

Häufige Fragen

Von wann bis wann ging der Sturm und Drang?

Etwa von 1765 bis 1785. Als Beginn gilt oft Herders Straßburger Zeit und seine Begegnung mit Goethe 1770, als Ende Goethes Italienreise 1786. Die Epoche läuft damit über weite Strecken parallel zur späten Aufklärung – ein Nacheinander gibt es nur im Schulbuch.

Warum heißt die Epoche „Sturm und Drang“?

Nach dem gleichnamigen Drama von Friedrich Maximilian Klinger aus dem Jahr 1776. Der Titel war ein Vorschlag aus Klingers Umfeld; das Stück selbst ist heute kaum bekannt, der Name blieb. Zeitgenossen sprachen eher von der „Geniezeit“.

Was ist der Unterschied zwischen Sturm und Drang und Romantik?

Beide setzen auf Gefühl gegen Vernunft, aber die Richtung ist eine andere. Der Sturm und Drang ist Auflehnung gegen konkrete Autoritäten – Vater, Fürst, Standesordnung – und endet meist mit dem Scheitern des Rebellen. Die Romantik richtet sich nicht gegen etwas, sondern sehnt sich in eine unerreichbare Ferne. Dazu liegen fünfundzwanzig Jahre und eine Revolution.

Welche Werke kommen im Abitur am häufigsten vor?

„Die Räuber“, „Kabale und Liebe“ und „Die Leiden des jungen Werthers“ sind die drei Texte, die verlässlich auftauchen, dazu Goethes Gedichte „Prometheus“ und „Willkommen und Abschied“ für die Lyrikanalyse. Welche Werke in deinem Bundesland verbindlich sind, legt das jeweilige Kultusministerium jährlich neu fest.

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Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Davor liegt die Aufklärung, danach folgen die Weimarer Klassik und die Romantik. Wie das 19. Jahrhundert auf die Genieverehrung reagiert, steht im Beitrag zum Realismus.

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