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Das Wichtigste in Kürze
- Die Aufklärung dauert in der deutschen Literatur etwa von 1720 bis 1785. Sie ist die erste Epoche, in der Literatur ausdrücklich etwas bewirken will: Sie soll erziehen.
- Der Satz, der alles zusammenfasst, stammt von Immanuel Kant und ist von 1784: Aufklärung sei „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Dazu der Wahlspruch sapere aude – wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
- Das Wort „selbstverschuldet“ ist die Pointe: Nicht die Obrigkeit hält die Menschen dumm, sondern ihre eigene Bequemlichkeit.
- Literarisch ist die wichtigste Neuerung das bürgerliche Trauerspiel. Bis dahin galt: Tragödien handeln von Adligen, Bürger kommen nur in Komödien vor. Lessing schafft diese Regel ab.
- Lessing ist die zentrale Figur – als Dramatiker, als Theoretiker und als Streitschreiber.
- Die Epoche endet nicht durch Widerlegung, sondern durch Ungeduld: Der Sturm und Drang wirft ihr vor, dass Vernunft allein zu wenig ist.
Worum es in der Aufklärung geht
Am Anfang steht ein Vertrauen, das aus heutiger Sicht fast rührend wirkt: Wenn man den Menschen nur richtig erklärt, wie die Dinge liegen, werden sie vernünftig handeln. Aberglaube, Standesdünkel und religiöse Intoleranz gelten als Denkfehler – und Denkfehler kann man beheben.
Daraus folgt ein neues Verständnis von Literatur. Ein Gedicht oder ein Drama ist kein Kunstwerk um seiner selbst willen, sondern ein Werkzeug. Die Fabel erlebt eine Blüte, weil sie eine Lehre in eine Geschichte packt. Das Drama soll Mitleid erzeugen, und Mitleid, so Lessings Theorie, macht den Zuschauer zu einem besseren Menschen.
Der zweite große Bruch ist sozial. In der Ständeklausel des Barock war festgeschrieben, wer tragisch scheitern darf: Könige und Fürsten. Ein Kaufmannssohn konnte lächerlich sein, nicht tragisch. Genau das kippt in dieser Epoche – und das ist mehr als eine Formfrage, denn es behauptet: Das Leid eines Bürgers wiegt so schwer wie das eines Königs.
Der historische Hintergrund
Europa erholt sich langsam von den Religionskriegen. In Preußen regiert Friedrich II., der sich selbst als „erster Diener des Staates“ bezeichnet und Voltaire an seinen Hof holt – aufgeklärter Absolutismus, was in der Praxis heißt: Der Herrscher denkt aufgeklärt, teilt die Macht aber nicht.
Gleichzeitig wächst ein Bürgertum heran, das Geld verdient, lesen kann und keinen Zugang zu politischen Ämtern hat. Es liest Zeitschriften, gründet Lesegesellschaften und diskutiert in Kaffeehäusern. Dieses Publikum ist die eigentliche Voraussetzung der Epoche: Erstmals gibt es genug Leser, um vom Schreiben leben zu können – Lessing versucht es als erster deutscher Autor und scheitert daran beinahe.
1789 bricht in Frankreich die Revolution aus. Sie ist nicht das Werk der deutschen Aufklärung, aber sie zeigt, wohin deren Gedanken führen, wenn jemand sie ernst nimmt. Für viele deutsche Autoren wird die Revolution zum Schock, der die nächste Epoche prägt.
Woran man einen Aufklärungstext erkennt
Drei Merkmale reichen für die Zuordnung fast immer aus.
Es wird argumentiert, nicht geschwärmt. Figuren begründen ihre Positionen, und der Text traut dem Leser zu, dem Gedankengang zu folgen. Wo im Barock ein Bild steht, steht hier ein Argument.
Toleranz und Vernunft sind die Werte, gegen die alles gemessen wird. Der Bösewicht ist selten böse aus Lust, sondern aus Vorurteil, Standesdenken oder Fanatismus.
Die Form ist klar und geordnet. Regelmäßiger Bau, nachvollziehbare Handlung, oft der Blankvers im Drama. Wer freie Rhythmen, Ausrufezeichen und Satzabbrüche findet, ist schon beim Sturm und Drang.
Die wichtigsten Werke
„Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing (1779)
Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge. Ein jüdischer Kaufmann, ein muslimischer Sultan und ein christlicher Tempelherr treffen aufeinander, und der Sultan stellt Nathan die Fangfrage, welche der drei Religionen die wahre sei. Nathan antwortet mit der Ringparabel: Ein Vater vererbt seinen drei Söhnen je einen Ring, von denen nur einer echt ist – und niemand kann sagen, welcher. Beweisen lässt sich die Echtheit nur dadurch, wie der Träger lebt.
Die Entstehungsgeschichte ist der eigentliche Clou. Lessing hatte sich einen erbitterten öffentlichen Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze geliefert und daraufhin Publikationsverbot in theologischen Fragen erhalten. Seine Reaktion: Er verlegte das Argument auf die Bühne, wo die Zensur nicht griff. „Nathan“ ist also kein friedliches Alterswerk, sondern eine Umgehungshandlung.
Uraufgeführt wurde das Stück 1783, zwei Jahre nach Lessings Tod. Unter den Nationalsozialisten war es verboten – und 1945 gehörte es zu den ersten Stücken, die in Deutschland wieder gespielt wurden.
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„Emilia Galotti“ von Gotthold Ephraim Lessing (1772)
Ein Prinz begehrt eine bürgerliche Frau und lässt ihren Bräutigam am Hochzeitstag umbringen. Emilia bittet daraufhin ihren Vater, sie zu töten, weil sie ihrer eigenen Standhaftigkeit nicht traut – und er tut es. Das ist bürgerliches Trauerspiel in Reinform: Die Machtverhältnisse sind so eindeutig, dass dem Bürgertum nur die Selbstzerstörung als Widerstand bleibt.
Der Schluss ist bis heute umstritten. Rettet der Vater die Tugend seiner Tochter, oder tötet er sie aus Standesstolz? Lessing lässt das offen, und genau diese Offenheit macht das Stück für Klausuren so beliebt.
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„Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ von Immanuel Kant (1784)
Ein Zeitschriftenaufsatz von wenigen Seiten, der die Epoche auf den Begriff bringt. Kant unterscheidet zwischen dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft, der frei sein muss, und dem privaten im Amt, der Gehorsam verlangt – ein Kompromiss mit der Obrigkeit, der ihm bis heute Kritik einträgt. Wer wissen will, worüber die Epoche eigentlich redet, liest diese zehn Seiten und spart sich dreißig Seiten Sekundärliteratur.
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„Geschichte des Agathon“ von Christoph Martin Wieland (1766)
Der erste deutsche Bildungsroman: Ein junger Grieche wird durch Erfahrungen klüger, nicht durch Belehrung. Damit ist die Form erfunden, in der später „Wilhelm Meister“ und – über viele Umwege – noch der moderne Coming-of-Age-Roman stehen.
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Warum die Epoche um 1785 endet
Nicht weil jemand die Vernunft widerlegt hätte. Sondern weil eine jüngere Generation den Preis zu hoch fand. Wenn alles begründet werden muss, bleibt für Rausch, Wut und Widerspruch kein Platz – und genau darauf bestehen die Autoren des Sturm und Drang. Der Streit ist damit nicht entschieden: Die Weimarer Klassik versucht wenige Jahre später, beide Seiten wieder zusammenzubringen.
Was ich davon halte
„Nathan der Weise“ musste ich in der Schule lesen. Für Fünfzehnjährige ist der Text zäh – Blankvers, lange Repliken, kaum Handlung. Trotzdem halte ich ihn für eine der besseren Pflichtlektüren, weil die Ringparabel eines der wenigen Schulstücke ist, deren Argument man Jahre später noch braucht. Die Frage, wie man mit konkurrierenden Wahrheitsansprüchen umgeht, ohne alle für gleich beliebig zu erklären, hat sich seit 1779 nicht erledigt.
Was mich an der Epoche stört: die Selbstsicherheit. Der Gedanke, dass Unvernunft nur ein behebbarer Denkfehler ist, hat sich historisch nicht bestätigt. Die Aufklärung hat darauf keine Antwort – ihre Nachfolgeepochen haben sie gesucht.
Häufige Fragen
Von wann bis wann dauerte die Aufklärung?
In der deutschen Literatur rechnet man etwa 1720 bis 1785. Die Grenzen sind unscharf: Der Beginn wird oft an Gottscheds „Critische Dichtkunst“ von 1730 festgemacht, das Ende am Aufkommen des Sturm und Drang, der ab 1765 bereits parallel läuft. Philosophisch reicht die europäische Aufklärung länger, etwa bis zur Französischen Revolution 1789.
Was ist ein bürgerliches Trauerspiel?
Ein Trauerspiel mit bürgerlichen statt adligen Hauptfiguren. Es bricht mit der Ständeklausel, nach der nur Höhergestellte tragisch fallen können. Lessings „Miss Sara Sampson“ von 1755 gilt als erstes deutsches Beispiel, „Emilia Galotti“ als das bekannteste.
Warum ist Lessing so wichtig für diese Epoche?
Weil er drei Rollen gleichzeitig ausfüllt: Er schreibt die maßgeblichen Dramen, er entwickelt in der „Hamburgischen Dramaturgie“ die Theorie dazu, und er führt die öffentlichen Streitgespräche, in denen die Ideen der Epoche verhandelt werden. Kein anderer Autor deckt alle drei Ebenen ab.
Was ist der Unterschied zwischen Aufklärung und Empfindsamkeit?
Die Empfindsamkeit läuft ab etwa 1740 parallel und setzt auf das Gefühl statt auf den Verstand – allerdings auf ein sanftes, tugendhaftes Gefühl, nicht auf die Leidenschaft des Sturm und Drang. Man kann sie als Ergänzung lesen, nicht als Gegenbewegung: Beide wollen den besseren Menschen, sie streiten nur über den Weg.
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Diese Seite gehört zu unserer Übersicht aller Literaturepochen. Vorher kam der Barock, danach folgen Sturm und Drang und die Weimarer Klassik. Wie die Auseinandersetzung mit Vernunft und Gefühl im 19. Jahrhundert weitergeht, steht in den Beiträgen zur Romantik und zum Realismus.
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