Die Literaturepoche: Romantik

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Das Wichtigste in Kürze

  • Die Romantik reicht etwa von 1795 bis 1848 und ist damit eine der längsten deutschen Epochen. Sie zerfällt in drei Phasen, die an drei Städte gebunden sind: Jena, Heidelberg, Berlin.
  • Das bekannteste Sinnbild ist die blaue Blume aus Novalis’ Roman „Heinrich von Ofterdingen“, ein Ziel, das man nur begehren, aber nie erreichen kann. Genau darin liegt der Punkt.
  • Die zweite, dunklere Hälfte der Epoche wird gern übersehen: die Nachtseite mit Traum, Wahnsinn, Doppelgängern und Automaten. E. T. A. Hoffmann ist ihr wichtigster Autor.
  • Die Romantik wertet auf, was vorher als niedere Literatur galt: Märchen, Volkslied, Sage. Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm von 1812 sind ein romantisches Projekt.
  • Sie richtet sich gegen zwei Dinge zugleich, gegen die Vernunftgläubigkeit der Aufklärung und gegen das Formideal der Weimarer Klassik.
  • Friedrich Schlegels Begriff der progressiven Universalpoesie meint: Dichtung soll alle Gattungen mischen dürfen und nie fertig sein.
  • Wer Romantik mit Liebesgeschichten gleichsetzt, liegt daneben. Das Wort meint hier eine Weltanschauung, keine Gefühlslage.

Worum es in der Romantik geht

Am Anfang steht eine Enttäuschung. Die Französische Revolution hatte mit dem Versprechen der Vernunft begonnen und war im Terror geendet. Wer um 1795 jung ist, hat gelernt, dass sich die Welt nicht durch bessere Argumente ordnen lässt, und sucht die Antwort woanders.

Die Romantik findet sie im Unbegrenzten. Was zählt, ist nicht das Erreichbare, sondern die Bewegung darauf zu: das Fernweh, die Nacht, der Traum, die Musik, das Märchen. Novalis nennt das Programm „Romantisieren“, dem Gewöhnlichen einen hohen Sinn geben, dem Bekannten die Würde des Unbekannten.

Formal bedeutet das Freiheit bis zur Auflösung. Die Klassik hatte auf Maß und Vers gesetzt; die Romantik mischt Prosa, Vers und Lied im selben Text, unterbricht sich selbst und lässt Werke unvollendet. Die romantische Ironie ist der Kunstgriff dazu: Ein Text zeigt vor, dass er gemacht ist, und zerstört seine eigene Illusion, ein Erzähler wendet sich an den Leser, eine Figur bemerkt, dass sie in einem Buch steht.

Die drei Phasen

Frühromantik (Jena, etwa 1795–1804). Die theoretische Phase. Um die Brüder Schlegel, Novalis und Ludwig Tieck entsteht in Jena ein Kreis, der die Programmschriften verfasst. Hier fällt der Begriff der progressiven Universalpoesie, hier entsteht die blaue Blume.

Hochromantik (Heidelberg, etwa 1805–1815). Die sammelnde Phase. Clemens Brentano und Achim von Arnim geben mit „Des Knaben Wunderhorn“ eine Volksliedsammlung heraus, die Brüder Grimm sammeln Märchen. Der Blick geht ins Mittelalter, das man als ungebrochene, fromme Zeit missversteht, romantische Mittelalterbegeisterung hat mit dem historischen Mittelalter wenig zu tun.

Spätromantik (Berlin, etwa 1815–1848). Die düstere Phase. E. T. A. Hoffmann schreibt seine Nachtstücke, Chamisso den Mann ohne Schatten. Die Sehnsucht schlägt in Bedrohung um: Was hinter der Wirklichkeit liegt, ist nicht mehr nur schön.

Woran man einen romantischen Text erkennt

Es gibt eine Ferne, die nie erreicht wird. Ein Wandern, ein Rufen, ein Klang von weit her. Der Text endet nicht mit Ankunft.

Die Grenze zwischen Traum und Wachen ist durchlässig. Figuren wissen nicht sicher, was sie erlebt haben, und der Text klärt es nicht auf.

Nacht, Mond, Wald, Fluss. Nicht als Kulisse, sondern als Zustand, die Natur fühlt mit oder ist beseelt.

Volkstümliche Formen. Vierzeiler mit Kreuzreim, liedhafte Strophen, Märchenmotive. Eichendorffs Gedichte wurden hundertfach vertont, weil sie schon als Lieder gebaut sind.

Die wichtigsten Werke

„Der Sandmann“ von E. T. A. Hoffmann (1816)

Nathanael verbindet eine Kindheitserinnerung, den unheimlichen Advokaten Coppelius, der ihm als Sandmann angedroht wurde, mit dem Wetterglashändler Coppola, der ihm ein Fernrohr verkauft. Durch dieses Glas verliebt er sich in Olimpia, die Tochter des Professors Spalanzani, ohne zu bemerken, dass sie ein Automat ist. Als er es erfährt, verliert er den Verstand.

Die Erzählung ist der meistanalysierte Text der Epoche. Sigmund Freud nahm sie 1919 zur Grundlage seines Aufsatzes über das Unheimliche, und die Frage, ob Nathanael von außen bedroht wird oder ob alles seiner Wahrnehmung entspringt, lässt Hoffmann bewusst offen. Wer nur einen romantischen Text lesen will, sollte diesen nehmen.

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„Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Joseph von Eichendorff (1826)

Ein Müllerssohn wird vom Vater aus dem Haus geschickt, nimmt seine Geige und zieht los. Er wird Gärtner, Zolleinnehmer, gerät nach Italien, verliebt sich, versteht die halbe Handlung nicht und kommt am Ende trotzdem gut an. Die Novelle ist der freundlichste Text der Epoche und funktioniert bis heute, weil ihr Held nichts erreichen will.

Eingestreut sind Gedichte, die zum Bekanntesten gehören, was auf Deutsch geschrieben wurde, „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ steht in diesem Buch.

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„Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis (1802)

Der Roman, aus dem die blaue Blume stammt. Heinrich träumt von ihr und macht sich auf, Dichter zu werden. Das Buch blieb unvollendet, Novalis starb 1801 mit achtundzwanzig Jahren, und diese Unabgeschlossenheit passt so gut zum Programm der Frühromantik, dass sie fast beabsichtigt wirkt.

Ehrlich gesagt: Als Leseerlebnis ist der Text schwerer zugänglich als alles andere auf dieser Seite. Wer ihn nicht für die Schule braucht, liest besser über ihn als in ihm.

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„Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm (ab 1812)

Jacob und Wilhelm Grimm sammelten mündlich überliefertes Erzählgut, weil sie darin die ursprüngliche Volksdichtung vermuteten. Dass sie die Texte für spätere Auflagen kräftig überarbeiteten, glätteten und moralisch zurechtrückten, gehört zur Geschichte dazu, die Erstausgabe von 1812 ist deutlich rauer als die Fassungen, die man heute vorliest.

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Was ich davon halte

Die Romantik hat den schlechtesten Ruf unter den Epochen, und das liegt an einem Missverständnis: Weil „romantisch“ im Alltag Kerzenlicht bedeutet, erwartet man Schwärmerei und findet dann Hoffmann. Tatsächlich ist das die unheimlichste Epoche der deutschen Literatur, halb Horrorliteratur, hundert Jahre vor dem Begriff.

Was ich schwächer finde als ihren Ruf, ist die Mittelalterbegeisterung. Sie erfindet eine Vergangenheit, die es nie gab, und daraus ist im 19. Jahrhundert politisch wenig Gutes erwachsen. Wer die Romantik liest, sollte diesen Teil mitdenken statt ihn zu übergehen.

Häufige Fragen

Von wann bis wann ging die Romantik?

Etwa 1795 bis 1848. Der Beginn wird meist auf die Jenaer Frühromantik um 1795 gelegt, das Ende auf die Märzrevolution von 1848, mit der eine nüchternere Literatur einsetzt. Zwischen 1815 und 1848 läuft sie parallel zu Biedermeier und Vormärz.

Was bedeutet die blaue Blume?

Sie stammt aus Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“ und steht für eine Sehnsucht, die kein bestimmtes Ziel hat. Entscheidend ist, dass sie unerreichbar bleibt, erreichte Sehnsucht wäre in der Romantik ein Widerspruch in sich.

Was ist romantische Ironie?

Der bewusste Bruch der Illusion: Ein Text macht sichtbar, dass er ein gemachtes Kunstwerk ist. Ein Erzähler kommentiert seine eigene Erzählung, eine Figur spricht das Publikum an. Friedrich Schlegel hat den Begriff geprägt; heute würde man von Metafiktion sprechen.

Was ist der Unterschied zwischen Romantik und Sturm und Drang?

Beide setzen auf Gefühl statt Vernunft, aber in verschiedene Richtungen. Der Sturm und Drang lehnt sich gegen konkrete Autoritäten auf und lässt seine Helden daran scheitern. Die Romantik sehnt sich ins Unbestimmte und interessiert sich für Traum und Wahnsinn statt für Rebellion.

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Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Davor liegt die Weimarer Klassik, danach folgen Biedermeier und Vormärz und der Realismus. Wie die Beschäftigung mit dem Unheimlichen im 20. Jahrhundert weitergeht, steht im Beitrag zur Moderne.

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