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Das Wichtigste in Kürze
- Der Barock reicht etwa von 1600 bis 1720. Prägend ist ein einziges Ereignis: der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648, in dem manche Regionen des Reichs mehr als ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren.
- Drei lateinische Formeln fassen die Epoche zusammen: vanitas, alles ist eitel und vergänglich; memento mori, bedenke, dass du stirbst; carpe diem, nutze den Tag.
- Diese Formeln widersprechen sich nur scheinbar. Weil alles vergeht, soll man genießen, und weil man genießt, soll man das Ende mitdenken. Der Barock hält beides gleichzeitig aus.
- Leitform ist das Sonett, geschrieben im Alexandriner: sechs Jamben mit einer festen Pause nach dem dritten. Diese Pause in der Mitte ist der Grund, warum Barockgedichte so oft mit Gegensatzpaaren arbeiten.
- Martin Opitz legte 1624 mit dem „Buch von der Deutschen Poeterey“ die Regeln fest, nach denen deutsche Dichtung fortan gebaut wurde, und setzte durch, dass man überhaupt auf Deutsch dichtet statt auf Latein.
- Der einzige Text der Epoche, den man heute noch aus Vergnügen liest, ist Grimmelshausens „Simplicissimus“.
Worum es im Barock geht
Man muss sich die Ausgangslage klarmachen, sonst wirkt die Epoche nur schwülstig. Zwischen 1618 und 1648 zogen Söldnerheere dreißig Jahre lang durch Mitteleuropa. Dörfer wurden mehrfach geplündert, Städte belagert, dazu kamen Hunger und Pest. Wer 1620 geboren wurde, kannte nichts anderes.
Daraus folgt eine Literatur, die vom Tod ausgeht statt vom Leben. Nicht als Pose, sondern als Beschreibung: Gryphius verlor beide Eltern früh, floh mehrfach vor Truppen, sah seine Heimatstadt niederbrennen. Wenn er schreibt, dass alles eitel sei, berichtet er.
Das erklärt auch die Prachtentfaltung, die dem widerspricht. Höfische Feste, überladene Sprache, Gold auf allem, der Barock feiert umso lauter, je weniger sicher der nächste Tag ist. Die beiden Seiten gehören zusammen; das Wort für diese Spannung ist Antithetik, und sie ist das Bauprinzip fast jedes Textes der Epoche.
Woran man einen Barocktext erkennt
Gegensatzpaare in fast jeder Zeile. Leben und Tod, Schein und Sein, Zeit und Ewigkeit, Lust und Verwesung. Wenn ein Gedicht in jedem zweiten Vers ein Begriffspaar aufmacht, ist die Zuordnung sicher.
Der Alexandriner. Sechs Hebungen, Pause in der Mitte. Man hört ihn beim lauten Lesen: Der Vers zerfällt in zwei gleich lange Hälften, und meistens steht in der einen das Gegenteil der anderen.
Aufzählungen, die sich steigern. Der Barock häuft: Substantiv an Substantiv, bis der Satz kippt. Gryphius’ „Es ist alles eitel“ besteht über weite Strecken aus solchen Reihungen.
Bilder aus einem festen Vorrat. Rauch, Schatten, Staub, Blume, Sanduhr, Schaum. Diese Zeichen waren dem Publikum vertraut wie heute Verkehrsschilder, man musste sie nicht erklären.
Die wichtigsten Werke
„Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ von Grimmelshausen (1668)
Ein Bauernjunge im Spessart erlebt den Dreißigjährigen Krieg, weil ihm Soldaten den Hof niederbrennen. Er wird Einsiedlerschüler, Hofnarr, Musketier, Betrüger, Wallfahrer und Einsiedler, und erzählt das alles selbst, mit einer Naivität, die genau deshalb wirkt, weil er das Grauen beschreibt, ohne es zu bewerten.
Der Roman ist der erste deutsche Roman von Weltrang und der einzige Barocktext, dem man beim Lesen nicht anmerkt, dass er dreieinhalb Jahrhunderte alt ist. Berühmt ist das Kapitel über die Folterung eines Bauern, in dem der Erzähler mitteilt, dies sei nur eines von vielen solchen Ereignissen gewesen. Wer wissen will, wie sich dieser Krieg von unten anfühlte, findet hier mehr als in den meisten Geschichtsbüchern.
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„Es ist alles eitel“ von Andreas Gryphius (1637)
Das meistbehandelte Gedicht der Epoche und das kompakteste Beispiel für alles, was den Barock ausmacht. Vierzehn Zeilen, in denen aufgezählt wird, was alles vergeht: Städte, Erz, Blumen, Ruhm, der Mensch selbst. Der letzte Vers dreht sich gegen den Leser und erklärt auch das Nachdenken darüber für vergänglich.
Wer die Epoche in zehn Minuten verstehen will, liest dieses Sonett laut und achtet auf die Pause in der Versmitte.
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„Buch von der Deutschen Poeterey“ von Martin Opitz (1624)
Kein literarisches Werk, sondern eine Anleitung, und trotzdem der folgenreichste Text der Epoche. Opitz legt fest, dass deutsche Verse dem natürlichen Wortakzent folgen müssen, nicht der Silbenzahl wie im Französischen. Was heute selbstverständlich klingt, war eine Entscheidung, und sie hat die deutsche Dichtung bis ins 19. Jahrhundert bestimmt.
Dazu kommt ein kulturpolitisches Argument: Deutsch sei als Dichtersprache dem Lateinischen ebenbürtig. Ohne diesen Anspruch gäbe es die spätere deutsche Literatur in dieser Form nicht.
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Die Dichterinnen des Barock
In Schulbüchern fehlen sie meist, dabei sind zwei Namen bemerkenswert. Sibylla Schwarz aus Greifswald schrieb Sonette von erstaunlicher Härte und starb 1638 mit siebzehn Jahren; ihre Gedichte erschienen erst nach ihrem Tod. Catharina Regina von Greiffenberg veröffentlichte 1662 einen umfangreichen Sonettband, der zu den formal sichersten Sammlungen der Epoche gehört.
Dass beide kaum bekannt sind, hat weniger mit der Qualität zu tun als damit, wer im 19. Jahrhundert den Kanon zusammenstellte.
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Das barocke Theater und die Ständeklausel
Auf der Bühne galt eine Regel, die man kennen muss, weil die nächste Epoche sie bricht: die Ständeklausel. Sie schrieb vor, wer tragisch fallen darf: Könige, Fürsten, Feldherren. Ein Kaufmann oder Handwerker konnte im Lustspiel vorkommen, nicht im Trauerspiel. Begründet wurde das mit der Fallhöhe: Nur wer hoch steht, kann tief stürzen.
Dahinter steht ein Weltbild, kein Geschmacksurteil. Wenn die gottgegebene Ordnung die Menschen in Stände einteilt, dann hat das Leid eines Bauern schlicht nicht dasselbe Gewicht. Gryphius’ Trauerspiele handeln entsprechend von Märtyrern und gestürzten Herrschern.
Gespielt wurde für den Hof, mit Maschinen, Verwandlungen und Musik: Theater als Machtdemonstration. Daneben zogen Wanderbühnen über Land und spielten dieselben Stoffe derb und gekürzt. Die Ständeklausel fällt erst rund hundert Jahre später, als Lessing in der Aufklärung das bürgerliche Trauerspiel durchsetzt. Wer verstehen will, warum das damals ein Skandal war, muss diese Regel kennen.
Was ich davon halte
Der Barock ist die Epoche, die in der Schule am meisten Schaden nimmt. Man behandelt zwei Sonette, zählt Hebungen, hakt vanitas ab und geht weiter. Dabei ist das der einzige Abschnitt der deutschen Literaturgeschichte, in dem Autoren über eine Katastrophe schreiben, die sie selbst überlebt haben, und man merkt den Texten an, dass die Form nicht Schmuck ist, sondern Halt.
Wenn ich einen Text der Epoche empfehlen müsste, wäre es nicht Gryphius, sondern der „Simplicissimus“. Er ist lang, er ist stellenweise derb, und er ist trotzdem das lebendigste Buch des 17. Jahrhunderts.
Häufige Fragen
Was bedeutet vanitas?
Wörtlich „Eitelkeit“ im Sinne von Nichtigkeit. Gemeint ist, dass alles Irdische vergeht: Besitz, Schönheit, Macht, Ruhm. Der Begriff stammt aus dem alttestamentlichen Buch Kohelet und ist das Grundmotiv der barocken Lyrik.
Was ist ein Alexandriner?
Ein Vers aus sechs Jamben mit einer festen Pause nach dem dritten, insgesamt zwölf oder dreizehn Silben. Die Pause teilt den Vers in zwei Hälften, was Gegenüberstellungen begünstigt. Er war die Standardform der barocken Dichtung und verschwand mit der Aufklärung zugunsten des Blankverses.
Warum ist der Dreißigjährige Krieg so wichtig für diese Epoche?
Weil er die Erfahrungsgrundlage der Autoren ist. Die Vorstellung, dass menschliche Ordnung jederzeit zusammenbrechen kann, ist im Barock keine Philosophie, sondern Erinnerung. Das unterscheidet die Epoche von jeder späteren bis zur Nachkriegsliteratur.
Welcher Text eignet sich als Einstieg?
Für Lyrik „Es ist alles eitel“ von Gryphius, vierzehn Zeilen, die alles enthalten. Für Prosa der „Simplicissimus“, allerdings in einer Ausgabe mit modernisierter Schreibweise; der Originaltext von 1668 ist ohne Übung schwer zu lesen.
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Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Davor liegt die Renaissance, danach folgt die Aufklärung, die den barocken Formzwang gegen die Vernunft eintauscht. Wie unterschiedlich zwei Epochen dieselbe Frage nach Vergänglichkeit behandeln, zeigt der Vergleich mit der Romantik.
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