Ähnliche Bücher wie „Das Parfüm“ – 5 Empfehlungen nach Duftnoten

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Das Wichtigste in Kürze

  • „Das Parfum“ hat keinen echten Zwilling. Es ist der einzige berühmte Roman, der vollständig auf einen einzigen Sinn gebaut ist — deshalb führt die Suche nach etwas Ähnlichem regelmäßig ins Leere.
  • Nützlicher ist, den Roman in drei Schichten zu zerlegen: die Nase, den Helden ohne Gewissen, das 18. Jahrhundert. Zu jeder gibt es hervorragende Anschlusslektüre.
  • Für die Nase: „Der Bauch von Paris“ von Émile Zola. Für den Helden ohne Gewissen: „Der Fremde“ und „Der talentierte Mr. Ripley“.
  • Für das 18. Jahrhundert: „Friedhof der Unschuldigen“ von Andrew Miller — der Roman spielt auf demselben Pariser Friedhof, auf dem Grenouille geboren wird — und „Tyll“ von Daniel Kehlmann.
  • Der Roman erschien 1985 bei Diogenes, wurde in 48 Sprachen übersetzt, über 20 Millionen Mal verkauft und stand rund neun Jahre auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Warum es kein zweites „Das Parfum“ gibt

Romane arbeiten fast ausschließlich mit Augen und Ohren. Man sieht eine Landschaft, man hört einen Dialog. Gerüche kommen vor, aber als Beiwerk: der Duft von frischem Brot, der Gestank einer Gasse, fertig. Für mehr fehlt der Sprache das Vokabular — man kann sagen, wie etwas aussieht, aber für Gerüche gibt es kaum eigene Wörter, nur Vergleiche.

Patrick Süskind hat 1985 genau daraus einen Roman gemacht. Er erfindet eine Figur mit dem feinsten Geruchssinn der Welt und keinem eigenen Geruch, und dann zwingt er sich selbst, dreihundert Seiten lang für diesen Sinn eine Sprache zu finden. Das ist die eigentliche Leistung des Buches, und sie ist nicht wiederholbar — nicht, weil niemand es könnte, sondern weil es nach Süskind niemand mehr versucht hat, ohne sofort nach ihm zu klingen.

Wer also fragt, was er nach diesem Buch lesen soll, bekommt entweder eine falsche Antwort („historische Kriminalromane“) oder gar keine. Beides ist unnötig, wenn man den Roman vorher auseinandernimmt.

Was der Roman ist: ein Entwicklungsroman, in dem sich niemand entwickelt

Formal folgt „Das Parfum“ dem klassischen deutschen Bauplan: Geburt, Lehrjahre, Wanderjahre, Meisterschaft. Nur führt dieser Weg nicht zur Reife, sondern zu einem Verbrechen — und er endet exakt dort, wo er begonnen hat.

Zeitstrahl der Stationen aus Das Parfum von Paris über die Höhle im Plomb du Cantal bis Grasse und zurück nach Paris
Neunundzwanzig Jahre, acht Stationen, ein Kreis. Der Wendepunkt liegt nicht bei den Morden, sondern in der Höhle.

Zwei Dinge fallen dabei auf. Erstens: Die Morde sind nicht der Höhepunkt, sondern Handwerk. Grenouille tötet nicht aus Lust, sondern weil er einen Rohstoff braucht — der Roman behandelt das mit derselben Sachlichkeit, mit der er vorher die Destillation von Rosenöl beschrieben hat, und genau diese Kälte ist verstörender als jede Gewaltdarstellung.

Zweitens: Der Wendepunkt liegt in der Höhle. Sieben Jahre allein auf dem Plomb du Cantal, und am Ende dieser Jahre begreift Grenouille, dass er selbst keinen Geruch hat und deshalb für andere Menschen im Wortsinn nicht existiert. Alles Weitere folgt aus dieser einen Einsicht. Wer das Buch als Krimi liest, verpasst es.

Fünf Bücher, nach Duftnoten sortiert

Diagramm als Duftpyramide: Kopfnote, Herznote und Basisnote von Das Parfum mit passenden Buchempfehlungen
Kopfnote, Herznote, Basisnote — was einem an diesem Roman geblieben ist, entscheidet, welches Buch als Nächstes passt.

„Der Bauch von Paris“ von Émile Zola

Ein politisch Verfolgter kehrt nach Paris zurück und findet sich in den neu erbauten Markthallen wieder, zwischen Käsebergen, Fleischbänken und Gemüsestapeln. Zola beschreibt diese Waren mit einer Ausdauer, die jeden Handlungsfaden aufsaugt — der berühmteste Abschnitt ist eine Auseinandersetzung, die ausschließlich über Käsesorten geführt wird.

Warum ähnlich: Es ist der direkte Vorfahr. Zola macht 1873 mit Geruch und Geschmack, was Süskind hundert Jahre später mit Geruch allein macht: Er schreibt sinnliche Fülle so lange, bis sie kippt und bedrohlich wird. Wer die langen Beschreibungspassagen in „Das Parfum“ nicht übersprungen, sondern genossen hat, ist hier richtig.

Was anders ist: Zola will Gesellschaftskritik, Süskind will das Experiment. Die Handlung ist bei Zola das Schwächste am Buch.

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„Der Fremde“ von Albert Camus

Meursault geht zur Beerdigung seiner Mutter und weint nicht. Wenige Wochen später erschießt er am Strand einen Mann, den er nicht kennt, und im Prozess wird ihm weniger der Mord vorgeworfen als die fehlende Trauer.

Warum ähnlich: beides Romane über eine Hauptfigur, die keine Gefühle hat, wo andere welche haben — und über eine Gesellschaft, die genau das nicht erträgt. Grenouille und Meursault werden nicht dafür bestraft, was sie getan haben, sondern dafür, dass sie nicht dazugehören. Der Unterschied: Camus schreibt das aus der Innensicht, Süskind aus der Distanz eines Chronisten.

Was anders ist: hundertfünfzig Seiten statt dreihundert, Algerien statt Frankreich, und keine Spur historischer Kulisse.

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„Der talentierte Mr. Ripley“ von Patricia Highsmith

Tom Ripley wird nach Italien geschickt, um einen reichen jungen Mann zur Heimkehr zu überreden, und beschließt stattdessen, sein Leben zu übernehmen. Er tötet, fälscht, verstellt sich — und kommt damit durch.

Warum ähnlich: Highsmith macht dasselbe Kunststück wie Süskind: Sie erzählt einen Mörder so, dass man ihm die Daumen drückt. Bei beiden funktioniert das über das Handwerk. Man verfolgt nicht die Tat, sondern die Ausführung, und die Ausführung ist beeindruckend. Wer sich beim Lesen von „Das Parfum“ dabei ertappt hat, Grenouille Erfolg zu wünschen, findet hier dasselbe unangenehme Vergnügen.

Was anders ist: Ripley will dazugehören, Grenouille will das nie. Highsmith schreibt außerdem Spannung im klassischen Sinn — man fürchtet, dass er auffliegt.

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„Friedhof der Unschuldigen“ von Andrew Miller

Paris, 1785. Ein junger Ingenieur aus der Provinz bekommt einen Auftrag: Er soll den Cimetière des Innocents räumen — einen überfüllten Friedhof mitten in der Stadt, dessen Ausdünstungen die Anwohner krank machen. Millionen Knochen müssen in die Katakomben, und der Ingenieur muss Männer finden, die das tun.

Warum ähnlich: Das ist derselbe Ort. Grenouille wird 1738 auf diesem Friedhof geboren und stirbt dort 1767; Millers Roman setzt achtzehn Jahre später ein und räumt ihn ab. Es gibt keine genauere Anschlusslektüre zu „Das Parfum“, und sie steht in kaum einer Empfehlungsliste. Miller schreibt außerdem ähnlich körperlich: Es riecht auf jeder Seite, und die Arbeit wird als Arbeit erzählt.

Was anders ist: kein Übermensch, kein Verbrechen. Der Roman handelt von einem Mann, der einen unmöglichen Auftrag ausführt und dabei fast zerbricht — es ist der wärmere, menschlichere Zwilling.

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„Tyll“ von Daniel Kehlmann

Der Gaukler Tyll Ulenspiegel zieht durch den Dreißigjährigen Krieg, und um ihn herum zerfällt Mitteleuropa. Kehlmann erzählt in Episoden, springt in der Zeit und lässt zwischen Hexenprozessen, Schlachten und Hofnarrenszenen ein Bild einer Epoche entstehen, in der niemand versteht, was gerade passiert.

Warum ähnlich: Beide Romane erzählen eine frühere Jahrhunderte als Körper: Dreck, Aberglaube, Krankheit, Massen, die sich in Bewegung setzen. Und beide haben eine Hauptfigur, die außerhalb der Ordnung steht und deshalb sieht, was die anderen nicht sehen. Kehlmanns Erzählerhaltung — trocken, leicht spöttisch, immer einen Schritt zurück — ist derselben Familie wie Süskinds.

Was anders ist: hundert Jahre früher, Deutschland statt Frankreich, und Tyll ist eine sympathische Figur.

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Wenn du bei Süskind bleiben willst

Das wird ein kurzer Abschnitt, denn er hat wenig geschrieben und schreibt seit Langem nichts mehr. Patrick Süskind gibt keine Interviews, lässt sich nicht fotografieren und hat mehrere Literaturpreise abgelehnt — für einen Autor mit über zwanzig Millionen verkauften Büchern ist das bemerkenswert konsequent.

Der Einstieg davor ist „Der Kontrabaß“ von 1981, ein Monolog eines Orchestermusikers, der sein Instrument hasst und braucht — eines der meistgespielten deutschsprachigen Theaterstücke überhaupt. Danach kam „Die Taube“ (1987), hundert Seiten über einen Bankwächter, dessen Leben aus den Fugen gerät, weil vor seiner Zimmertür eine Taube sitzt — dieselbe Grundfigur wie Grenouille, ins Kleinbürgerliche verschoben.

Am zugänglichsten ist „Die Geschichte von Herrn Sommer“ (1991), erzählt aus der Sicht eines Kindes am Starnberger See, mit Zeichnungen von Sempé. Es ist das freundlichste Buch, das Süskind geschrieben hat, und handelt trotzdem von einem Menschen, der nirgends bleiben kann.

Was ich von „Das Parfum“ halte

Es ist ein perfekt gebautes Buch mit einem hohlen Kern, und ich meine das nicht als Vorwurf. Süskind selbst hat den Roman so angelegt: Grenouille hat keinen Geruch, keine Vorgeschichte, keine Innenwelt, die man betreten könnte. Man liest dreihundert Seiten über eine Figur, in die man nie hineinkommt — das ist ungewöhnlich mutig für ein Buch, das ein Weltbestseller wurde.

Was ich beim Wiederlesen anders sehe als beim ersten Mal: Die Frauen im Roman kommen fast ausschließlich als Material vor. Sie werden beschrieben wie Rohstoffe, weil Grenouille sie so sieht, und der Erzähler stellt das nie in Frage. Man kann das als konsequente Perspektive verteidigen. Man kann aber auch feststellen, dass ein Roman, der einer Mörderfigur so vollständig folgt, mit dem Wegsehen rechnet — und dass er es bekommt.

Die stärkste Stelle ist für mich nicht das Finale in Grasse, so berühmt es ist, sondern die Höhle. Sieben Jahre allein, und dann der Moment, in dem einer merkt, dass er sich selbst nicht riechen kann. Das ist eine bessere Metapher für Einsamkeit als alles, was danach kommt.

Häufige Fragen

Muss man den Film gesehen haben?

Nein, und man sollte ihn eher danach sehen. Tom Tykwers Verfilmung von 2006, produziert von Bernd Eichinger, ist visuell beeindruckend und steht vor einem unlösbaren Problem: Man kann Gerüche nicht filmen. Der Film ersetzt sie durch Bilder und einen Erzähler aus dem Off — es funktioniert, aber es ist ein anderes Werk.

Ab welchem Alter ist der Roman geeignet?

Ab etwa fünfzehn, sechzehn. Die Gewalt wird nicht ausgemalt, aber sachlich beschrieben, und die Kälte des Erzählers ist für jüngere Leser oft irritierender als eine drastische Szene es wäre. Der Roman steht in der Oberstufe auf manchen Leselisten.

Ist die Geschichte historisch?

Die Figuren sind erfunden, die Welt ist es nicht. Der Cimetière des Innocents existierte und wurde tatsächlich Ende des 18. Jahrhunderts geräumt, Grasse war das Zentrum der französischen Parfumherstellung, und die beschriebenen Verfahren — Destillation, Enfleurage, Mazeration — sind fachlich korrekt. Auch die Theorie des Marquis vom tödlichen Erdfluidum ist als Sorte Wissenschaftsmode dieser Jahre nicht aus der Luft gegriffen. Zur Epoche selbst gibt es bei uns die Beiträge zur Aufklärung und zum Sturm und Drang.

Warum wird Grenouille am Ende aufgegessen?

Weil das Parfum funktioniert. Es erzeugt bei jedem, der es riecht, Liebe — und die Menschen am Friedhof der Unschuldigen tun, was Menschen mit dem tun, was sie über alles lieben. Der Schluss ist die letzte Pointe eines Romans, der von Anfang an behauptet, dass Zuneigung nichts mit dem Menschen zu tun hat, dem sie gilt.

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