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Das Wichtigste in Kürze
- Die Empfindsamkeit läuft etwa von 1740 bis 1790 und damit fast vollständig parallel zur Aufklärung. Sie ist keine Gegenbewegung, sondern deren Ergänzung.
- Der Kerngedanke: Auch das Gefühl macht den Menschen besser – nicht nur der Verstand. Wer mitfühlen kann, handelt sittlich.
- Gemeint ist ein zartes, tugendhaftes Empfinden, keine Leidenschaft. Damit unterscheidet sich die Empfindsamkeit vom Sturm und Drang, der zwanzig Jahre später aus demselben Boden wächst.
- Herkunft ist der Pietismus, eine protestantische Frömmigkeitsbewegung, die zur Selbstprüfung und zum Führen von Seelentagebüchern anhielt. Aus dieser Praxis kommt die literarische Selbstbeobachtung.
- Leitformen sind der Briefroman und das Tagebuch – Textsorten, die Innerlichkeit zeigen können, ohne einen Erzähler dazwischenzuschalten.
- Der Name stammt aus einer Übersetzung: Lessing schlug 1768 „empfindsam“ als deutsche Entsprechung für Laurence Sternes „sentimental“ vor.
- Tränen gelten als Ausweis von Charakter. Dass Figuren dieser Epoche ständig weinen, ist kein Kitsch, sondern Programm.
Worum es in der Empfindsamkeit geht
Die Aufklärung hatte dem Menschen zugetraut, sich durch Vernunft zu bessern. Die Empfindsamkeit fügt hinzu: Vernunft allein reicht nicht, wenn niemand mitfühlt. Ein Mensch, der die Not eines anderen erkennt, aber nichts dabei empfindet, wird auch nicht helfen.
Das ist keine Absage an die Vernunft, sondern eine Erweiterung – beide wollen den besseren Menschen und streiten nur über den Weg. Genau deshalb überschneiden sich die Epochen so stark, dass manche Übersichten die Empfindsamkeit gar nicht eigens führen.
Der gesellschaftliche Hintergrund ist ein wachsendes Bürgertum, das keinen Zugang zur Politik hat und dafür ein anderes Feld besetzt: das Innenleben. Man pflegt Freundschaften mit einer Ernsthaftigkeit, die heute befremdlich wirkt, schreibt lange Briefe und liest sie sich gegenseitig vor. Der Freundschaftskult dieser Jahre ist ein eigenes soziales Phänomen.
Woran man einen empfindsamen Text erkennt
Es wird geweint, und das ist positiv gemeint. Tränen zeigen, dass jemand ein fühlendes Herz hat.
Die Form ist Brief oder Tagebuch. Man liest mit, statt erzählt zu bekommen.
Freundschaft steht über Liebe. Die Seelenfreundschaft gilt als höchste Beziehung, oft zwischen Männern und mit einer Innigkeit beschrieben, die spätere Leser irritiert hat.
Die Natur ist Stimmungsraum. Mondschein, Bach, Abendhimmel – aber sanft, nicht bedrohlich wie später in der Romantik.
Die wichtigsten Werke
Friedrich Gottlieb Klopstock
Klopstock ist die zentrale Figur. Sein Versepos „Der Messias“, an dem er von 1748 bis 1773 arbeitete, war ein Ereignis – Zeitgenossen berichteten, sie hätten beim Lesen der ersten Gesänge geweint. Heute liest das niemand mehr, und ehrlicherweise muss man sagen: mit gutem Grund, es sind zwanzig Gesänge in Hexametern.
Seine Oden dagegen halten sich. „Die Frühlingsfeier“ von 1759 beschreibt ein Gewitter und die Empfindung eines Menschen darin, in freien Rhythmen ohne Reim – eine Form, die es auf Deutsch vorher nicht gab und die der Sturm und Drang übernehmen wird.
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„Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von Sophie von La Roche (1771)
Der erste Roman einer deutschen Autorin und der erfolgreichste Briefroman vor „Werther“. Sophie von Sternheim gerät an einen Fürstenhof, wird durch eine Scheinehe getäuscht und behauptet sich – nicht durch Klugheit allein, sondern durch Haltung.
Herausgegeben wurde das Buch von Christoph Martin Wieland, der es mit einer Vorrede versah, in der er sich halb entschuldigte, dass eine Frau schreibe. Der Roman verkaufte sich trotzdem hervorragend und wurde von Zeitgenossinnen als Vorbild gelesen. In den meisten Epochenübersichten fehlt er.
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Christian Fürchtegott Gellert
Gellert war zu Lebzeiten der meistgelesene deutsche Autor überhaupt. Seine „Fabeln und Erzählungen“ von 1746 standen in bürgerlichen Haushalten neben der Bibel, und sein Roman „Leben der schwedischen Gräfin von G***“ von 1747 gilt als erster deutscher empfindsamer Roman.
Heute ist er fast vergessen – ein gutes Beispiel dafür, dass Auflagenhöhe und Nachruhm wenig miteinander zu tun haben, wie unsere Liste der meistverkauften Bücher ebenfalls zeigt.
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Die europäischen Vorbilder
Die Bewegung war international. Samuel Richardsons Briefromane „Pamela“ (1740) und „Clarissa“ (1748) begründeten die Form in England. Jean-Jacques Rousseaus „Julie oder Die neue Héloïse“ (1761) war der größte Bucherfolg des Jahrhunderts in Frankreich. Und Laurence Sternes „A Sentimental Journey“ von 1768 lieferte über Lessings Übersetzungsvorschlag den Namen der ganzen Epoche.
Warum ausgerechnet der Briefroman
Dass die Epoche fast ausschließlich in Briefen erzählt, hat einen technischen und einen gesellschaftlichen Grund.
Der technische: Ein Brief zeigt Innenleben ohne Vermittlung. Ein auktorialer Erzähler müsste sagen „sie war erschüttert“ – ein Brief lässt die Erschütterung im Satzbau selbst sichtbar werden, in Abbrüchen, Wiederholungen, Nachschriften. Für eine Literatur, der es um Empfindung geht, ist das die genauere Form. Dazu kommt, dass mehrere Briefschreiber dasselbe Ereignis verschieden darstellen können, ohne dass jemand entscheidet, wer recht hat.
Der gesellschaftliche: Briefe waren im 18. Jahrhundert das wichtigste Medium des Bürgertums. Man schrieb täglich, oft seitenlang, und Briefe wurden vorgelesen und weitergereicht. Es gab Briefsteller – Anleitungsbücher für den richtigen Ton –, und Gellert verfasste einen der erfolgreichsten davon. Wer einen Briefroman las, kannte die Form aus dem eigenen Alltag.
Damit hängt der Freundschaftskult zusammen, das befremdlichste Phänomen dieser Jahre. Männer schlossen feierliche Seelenbünde, tauschten Locken, nannten einander „Bruder meines Herzens“ und weinten beim Wiedersehen. Das war keine Verstellung, sondern eine anerkannte Beziehungsform: In einer Welt, in der Ehen aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen wurden, war die gewählte Freundschaft die einzige Bindung, die man selbst bestimmte.
Was daraus wurde
Die Empfindsamkeit endet nicht, sie steigert sich. Als Goethe 1774 „Die Leiden des jungen Werthers“ schreibt, benutzt er alle ihre Mittel – Briefform, Naturempfinden, Tränen, Klopstock wird im Text sogar ausdrücklich genannt. Aber er treibt das Gefühl über die Grenze, an der die Empfindsamkeit haltmacht: Werthers Empfinden führt nicht zur Tugend, sondern in den Tod.
Damit kippt die Bewegung in den Sturm und Drang. Aus dem sanften Gefühl wird Leidenschaft, aus dem Mitfühlen Auflehnung.
Was ich davon halte
Die Empfindsamkeit ist die Epoche, die man heute am schwersten ernst nehmen kann, und das liegt an den Tränen. Wenn in einem Text alle zwei Seiten jemand weint, liest sich das für uns wie Parodie – dabei war es ein ernsthafter Versuch, Mitgefühl als moralische Fähigkeit zu behandeln.
Lesenswert finde ich davon genau ein Buch: Sophie von La Roche. Nicht aus literaturgeschichtlicher Pflicht, sondern weil es der einzige Text der Epoche ist, in dem eine Frau eine Frau beschreibt, die sich behauptet. Klopstocks „Messias“ dagegen würde ich niemandem zumuten.
Häufige Fragen
Ist die Empfindsamkeit eine eigene Epoche?
Das wird unterschiedlich gehandhabt. Viele Übersichten führen sie als Strömung innerhalb der Aufklärung, andere als eigene Epoche zwischen Aufklärung und Sturm und Drang. Für Klausuren ist die sicherste Formulierung: eine parallel zur Aufklärung verlaufende Strömung mit eigenem Schwerpunkt.
Was ist der Unterschied zum Sturm und Drang?
Die Dosis und die Richtung. Die Empfindsamkeit setzt auf sanftes, tugendhaftes Gefühl, das zur Sittlichkeit führt und die bestehende Ordnung nicht angreift. Der Sturm und Drang setzt auf Leidenschaft, Genie und Auflehnung. „Werther“ steht genau auf der Grenze und benutzt die Mittel der einen für das Programm der anderen.
Woher kommt der Name?
Von Lessing. Als Johann Joachim Christoph Bode 1768 Laurence Sternes „A Sentimental Journey“ übersetzte, fragte er Lessing um Rat für das Wort „sentimental“. Lessing schlug „empfindsam“ vor – ein damals neues Wort, das sich für die ganze Strömung durchsetzte.
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Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Parallel läuft die Aufklärung, danach folgen Sturm und Drang und Weimarer Klassik. Wie das Gefühl fünfzig Jahre später aussieht, steht im Beitrag zur Romantik.
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