Exilliteratur (1933–1945): Epoche, Autoren und Werke

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Das Wichtigste in Kürze

  • Als Exilliteratur bezeichnet man die Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren, die zwischen 1933 und 1945 außerhalb des nationalsozialistischen Machtbereichs entstanden. Schätzungen gehen von rund 1.500 Schriftstellern aus, die emigrierten.
  • Der Einschnitt hat ein Datum: Am 10. Mai 1933 verbrannten Studenten in mehr als zwanzig Universitätsstädten Bücher missliebiger Autoren.
  • Heinrich Heine hatte den Satz, der seither über diesem Tag steht, bereits 1821 geschrieben: Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen. Er stammt aus der Tragödie „Almansor“ und war auf die spanische Inquisition gemünzt.
  • Die Fluchtwege verliefen zunächst nach Prag, Paris, Amsterdam und Zürich – nach 1940 weiter in die USA, nach Mexiko, Brasilien und Palästina.
  • Das zentrale Problem war die Sprache: Ein Autor, der auf Deutsch schreibt, verliert im Exil sein Publikum, seine Verlage und oft auch das Gefühl für den lebendigen Sprachgebrauch.
  • Die wichtigsten Werke sind Brechts Dramen, Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“ und Stefan Zweigs Erinnerungsbuch „Die Welt von Gestern“.
  • Nach 1945 entzündete sich ein bitterer Streit zwischen den Zurückgekehrten und denen, die im Land geblieben waren und sich auf eine „innere Emigration“ beriefen.

Was 1933 geschah

Nach der Machtübernahme im Januar 1933 begann die Verfolgung sofort. Der Reichstagsbrand vom 27. Februar diente als Anlass für die erste Verhaftungswelle; Bertolt Brecht verließ Deutschland am folgenden Tag.

Am 10. Mai 1933 organisierte die Deutsche Studentenschaft die Bücherverbrennungen. Auf den Scheiterhaufen landeten Werke von Heinrich Mann, Erich Kästner, Sigmund Freud, Kurt Tucholsky, Erich Maria Remarque, Anna Seghers und vielen anderen. Kästner stand in Berlin selbst in der Menge und sah zu, wie seine Bücher brannten – er war der einzige der Betroffenen, der anwesend war, und blieb als einer der wenigen im Land.

Was folgte, war eine systematische Zerstörung des literarischen Lebens. Verlage wurden gleichgeschaltet oder enteignet, die Reichsschrifttumskammer entschied über Publikationserlaubnis, Bibliotheken wurden gesäubert. Wer jüdisch war, politisch links stand oder sich nicht anpassen wollte, konnte nicht mehr veröffentlichen.

Die Stationen des Exils

Die erste Welle ging in die Nachbarländer: Prag, Wien, Zürich, Paris, Amsterdam. In den Niederlanden entstanden mit den deutschsprachigen Abteilungen der Verlage Querido und Allert de Lange die wichtigsten Exilverlage – dort erschien fast alles, was zwischen 1933 und 1940 auf Deutsch gedruckt wurde und in Deutschland verboten war.

Mit dem deutschen Vormarsch 1938 bis 1940 brach dieses Netz zusammen. Wer konnte, floh weiter. Ein Zentrum entstand in Südkalifornien, wo sich unter anderem Thomas Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Theodor W. Adorno und Arnold Schönberg aufhielten – man hat das später halb spöttisch „Weimar am Pazifik“ genannt. Andere gingen nach Mexiko, nach Brasilien, nach Schweden oder in die Sowjetunion, wo mehrere von ihnen den stalinistischen Säuberungen zum Opfer fielen.

Nicht alle kamen durch. Joseph Roth starb 1939 verarmt in Paris. Walter Benjamin nahm sich 1940 im spanischen Portbou das Leben, als ihm die Weiterreise verweigert wurde. Stefan Zweig und seine Frau nahmen sich 1942 im brasilianischen Petrópolis das Leben.

Die wichtigsten Werke

„Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers (1942)

Sieben Häftlinge fliehen aus einem Konzentrationslager bei Mainz. Der Lagerkommandant lässt sieben Bäume zu Kreuzen zurechtstutzen, an denen die Wiedereingefangenen zur Abschreckung hängen sollen. Sechs werden gefasst. Das siebte Kreuz bleibt leer.

Der Roman erzählt die Flucht des Georg Heisler durch eine Landschaft, in der jeder Bekannte eine Entscheidung treffen muss – und einige treffen sie richtig. Genau das war Seghers’ Absicht: zu zeigen, dass es auch im Jahr 1937 Menschen gab, die halfen. Das Buch erschien zuerst 1942 auf Englisch in den USA, wurde ein Bestseller und noch im selben Jahrzehnt verfilmt.

Seghers schrieb es zwischen 1937 und 1939 in Paris, floh 1940 über Marseille und erreichte Mexiko. Das Manuskript ging auf dem Weg mehrfach verloren und existierte zeitweise nur in Kopien.

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„Transit“ von Anna Seghers (1944)

Der zweite große Roman derselben Autorin, und der eigenartigere. Marseille 1940: Flüchtlinge warten auf Visa, Transitvisa, Passagen, Bescheinigungen – und jedes Papier ist abgelaufen, bevor das nächste kommt. Der Erzähler nimmt die Identität eines toten Schriftstellers an und gerät in ein Warten, das kein Ende hat.

Seghers hat diese Monate selbst durchlebt. „Transit“ ist deshalb weniger ein Roman über Flucht als über das Dazwischen – über Menschen, die weder bleiben noch gehen können und deren Leben in Behördengängen zerfällt. Von allen Exilromanen ist das der, der sich heute am unmittelbarsten liest.

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Bertolt Brecht: „Leben des Galilei“ und „Mutter Courage“

Brecht verbrachte fünfzehn Jahre im Exil und schrieb in dieser Zeit seine wichtigsten Stücke. „Mutter Courage und ihre Kinder“ entstand 1939 in Schweden und spielt im Dreißigjährigen Krieg: Eine Marketenderin lebt vom Krieg und verliert an ihn nacheinander alle drei Kinder – ohne daraus etwas zu lernen. Brecht wollte ausdrücklich keine Rührung, sondern Erkenntnis.

„Leben des Galilei“, ebenfalls 1938/39 entstanden und später mehrfach umgearbeitet, verhandelt die Frage, ob ein Wissenschaftler widerrufen darf, um weiterarbeiten zu können. Nach Hiroshima änderte Brecht das Urteil über seinen Helden ins Schärfere.

Dazu die „Svendborger Gedichte“ von 1939, entstanden im dänischen Exil. Darin steht „An die Nachgeborenen“ mit der Zeile über die finsteren Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.

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„Die Welt von Gestern“ von Stefan Zweig (1942)

Zweigs Erinnerungen an das Europa vor 1914, geschrieben im brasilianischen Exil und abgeschlossen einen Tag vor seinem Suizid. Er beschreibt eine Welt, in der man ohne Pass reisen konnte und in der Fortschritt als selbstverständlich galt – und beschreibt zugleich, wie schnell sie verschwand.

Das Buch ist die meistgelesene Autobiografie der deutschen Literatur und wird oft als Idealisierung kritisiert. Der Vorwurf ist berechtigt und ändert wenig: Als Zeugnis darüber, wie sich ein Zusammenbruch von innen anfühlt, ist es unersetzt.

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„Mephisto“ von Klaus Mann (1936)

Ein Schauspieler arrangiert sich mit dem Regime und wird dafür Intendant. Die Figur trug unverkennbar die Züge von Gustaf Gründgens, Klaus Manns früherem Schwager. Der Roman erschien 1936 in Amsterdam und wurde in der Bundesrepublik nach einem jahrzehntelangen Rechtsstreit bis 1981 nicht gedruckt – das Bundesverfassungsgericht gab 1971 dem Persönlichkeitsschutz den Vorrang.

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Themen und Merkmale

Der Verlust der Sprache. Wer auf Deutsch schreibt und nur noch Englisch hört, verliert den Kontakt zum lebendigen Sprachgebrauch. Manche wechselten die Sprache, die meisten nicht. Brecht notierte, das Exil sei die beste Schule der Dialektik – und schrieb weiter auf Deutsch.

Die Frage nach der Wirkung. Für wen schreibt man, wenn das eigene Publikum nicht mehr erreichbar ist? Viele Texte richten sich ausdrücklich an ein Deutschland nach dem Nationalsozialismus.

Der historische Umweg. Weil offene Anklage im Ausland wenig bewirkte, verlegten viele Autoren ihre Themen in andere Zeiten – Brecht in den Dreißigjährigen Krieg, Feuchtwanger in die Antike. Die Gegenwart ist dann im Stoff nicht genannt und trotzdem gemeint.

Nüchternheit statt Pathos. Kaum ein Exiltext arbeitet mit großen Gefühlen. Wer das Ungeheure beschreibt, beschreibt es genau und leise – ein Verfahren, das die Nachkriegsliteratur übernimmt.

Die innere Emigration und der Streit danach

1945 stellte sich die Frage, wie mit denen umzugehen sei, die geblieben waren. Einige beriefen sich auf eine „innere Emigration“: Man habe sich zurückgezogen, in Naturbeschreibungen oder historische Stoffe ausgewichen und nichts Belastendes geschrieben.

Thomas Mann wies das in einer öffentlichen Erwiderung von 1945 scharf zurück; Bücher, die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland gedruckt werden konnten, seien wertlos und mit dem Geruch von Blut und Schande behaftet. Die Gegenseite hielt ihm vor, aus Kalifornien leicht reden zu haben.

Der Streit blieb unentschieden und vergiftete das literarische Leben der frühen Bundesrepublik. Er erklärt auch, warum die Rückkehrer es schwer hatten: Anna Seghers ging in die DDR, Brecht ebenfalls, Thomas Mann in die Schweiz. Nach Westdeutschland kehrte kaum jemand dauerhaft zurück.

Was ich davon halte

Das ist die Epoche, bei der es sich am wenigsten anbietet, über Stilmerkmale zu reden. Hier geht es nicht um eine literarische Richtung, sondern um Bücher, die unter Bedingungen entstanden sind, die ihre Autoren nicht gewählt haben.

Was mich am meisten beeindruckt, ist die Nüchternheit. „Transit“ hätte ein Buch über Verzweiflung werden können und ist ein Buch über Behörden geworden – und wirkt gerade deshalb. Wer einen Text dieser Zeit liest, sollte diesen nehmen; er ist kurz, und er beschreibt eine Erfahrung, die nicht historisch geworden ist.

Häufige Fragen

Was versteht man unter Exilliteratur?

Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren, die zwischen 1933 und 1945 im Ausland entstanden, weil ihre Verfasser aus politischen oder rassistischen Gründen aus Deutschland und Österreich vertrieben wurden. Der Begriff bezeichnet keine Stilrichtung, sondern eine historische Lage.

Wer waren die wichtigsten Autoren?

Bertolt Brecht, Thomas und Heinrich Mann, Anna Seghers, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger, Klaus Mann, Erich Maria Remarque, Nelly Sachs und Joseph Roth. Insgesamt verließen schätzungsweise 1.500 Schriftsteller den deutschsprachigen Raum.

Was war die innere Emigration?

Ein nach 1945 verwendeter Begriff für Autoren, die in Deutschland blieben, sich aber innerlich distanziert hätten und in unverfängliche Stoffe ausgewichen seien. Ob das eine Haltung oder eine nachträgliche Rechtfertigung war, ist bis heute umstritten; Thomas Mann bestritt den Anspruch entschieden.

Warum ist der 10. Mai 1933 so wichtig?

Weil an diesem Tag in über zwanzig Universitätsstädten öffentlich Bücher verbrannt wurden – organisiert nicht von der Partei allein, sondern von Studenten. Das Datum markiert den Punkt, an dem die Ausgrenzung aus dem literarischen Leben sichtbar und endgültig wurde.

Womit sollte man anfangen?

Mit „Transit“ von Anna Seghers, wenn es ein Roman sein soll – rund 300 Seiten und erschreckend gegenwärtig. Wer Lyrik bevorzugt, nimmt Brechts „Svendborger Gedichte“. „Die Welt von Gestern“ ist der beste Zugang, wenn man verstehen will, was verloren ging.

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