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Das Wichtigste in Kürze
- Der Naturalismus dauert etwa von 1880 bis 1900 und ist die kürzeste der großen deutschen Epochen – rund zwanzig Jahre, die sich hauptsächlich in Berlin und München abspielen.
- Er ist die radikale Fortsetzung des Realismus: Gezeigt wird alles, was dieser weggelassen hatte – Armut, Krankheit, Alkohol, Gewalt, Dialekt.
- Die Formel der Epoche stammt von Arno Holz: Kunst = Natur – x. Kunst hat die Tendenz, wieder Natur zu werden; x ist der Rest, den die Mittel des Künstlers nicht einholen. Ziel ist, x so klein wie möglich zu machen.
- Der Mensch gilt nicht mehr als frei, sondern als Ergebnis von Vererbung, Milieu und Zeitpunkt. Diese Milieutheorie stammt vom französischen Denker Hippolyte Taine.
- Die wichtigste Technik ist der Sekundenstil: Erzählzeit und erzählte Zeit fallen zusammen, jedes Stottern und jede Pause wird mitgeschrieben.
- Gerhart Hauptmann ist der zentrale Autor. Sein Drama „Die Weber“ wurde 1892 zunächst verboten – ein Gericht hob das Verbot 1893 auf.
Worum es im Naturalismus geht
Deutschland industrialisiert sich in dreißig Jahren. Berlin wächst von einer Residenzstadt zur Millionenmetropole, Mietskasernen entstehen, und mit ihnen ein Elend, das vorher in dieser Konzentration nicht sichtbar war. Die Literatur der Väter hatte davon nichts erzählt, und genau das wirft die junge Generation ihr vor.
Der Anspruch ist wissenschaftlich gemeint. Wenn Darwin zeigt, dass Arten sich durch Anpassung entwickeln, und die Medizin Vererbung untersucht, dann muss Literatur den Menschen ebenso untersuchen: als Wesen, das von Herkunft und Umständen bestimmt wird. Ein naturalistischer Text fragt nicht, ob eine Figur richtig handelt, sondern warum sie gar nicht anders kann.
Das hat Folgen für die Form. Wenn die Wirklichkeit abgebildet werden soll, kann man Figuren keine gedrechselten Sätze in den Mund legen. Also wird Dialekt geschrieben, wird gestottert, wird abgebrochen. „Die Weber“ steht in schlesischer Mundart – für das Berliner Premierenpublikum war das eine Zumutung und ein Teil der Wirkung.
Woran man einen naturalistischen Text erkennt
Die Sprache ist nicht literarisch. Dialekt, Umgangssprache, Flüche, Satzabbrüche. Wo im Realismus höflich über das Wetter geredet wird, wird hier geschrien oder geschwiegen.
Es gibt ausführliche Nebentexte. Naturalistische Dramen beginnen mit seitenlangen Regieanweisungen, die den Raum bis zur Wandfarbe beschreiben – das Milieu ist Teil der Erklärung, nicht Dekoration.
Die Figuren kommen aus der Unterschicht. Weber, Bahnwärter, Bauernmägde, Trinker. Kein Adel, kaum Bürgertum.
Es gibt keine Lösung. Naturalistische Texte enden selten mit einer Wendung zum Guten. Wer in seinem Milieu feststeckt, steckt am Ende immer noch fest.
Die wichtigsten Werke
„Die Weber“ von Gerhart Hauptmann (1892)
Der schlesische Weberaufstand von 1844. Hauptmann verzichtet auf einen Helden – die Hauptfigur ist die Masse, und in fünf Akten wandert der Blick von Familie zu Familie durch ein Dorf, in dem die Heimweber gegen die Maschinen und den Fabrikanten Dreißiger verlieren. Der bitterste Moment ist der Schluss: Der Einzige, der sich am Aufstand nicht beteiligt, wird von einer Kugel getroffen.
Die Berliner Polizei verbot das Stück wegen Aufreizung zum Klassenhass; erst nach einem Gerichtsverfahren durfte es 1893 öffentlich gespielt werden. Kaiser Wilhelm II. kündigte daraufhin seine Loge im Deutschen Theater.
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„Bahnwärter Thiel“ von Gerhart Hauptmann (1888)
Die meistgelesene Schullektüre der Epoche, und mit rund sechzig Seiten die kürzeste. Thiel, ein schweigsamer Bahnwärter, hängt an seiner verstorbenen ersten Frau und an ihrem gemeinsamen Sohn. Seine zweite Frau, robust und laut, vernachlässigt das Kind, bis es unter einen Zug gerät. Thiels Reaktion ist der Zusammenbruch eines Menschen, der nie gelernt hat zu sprechen.
Formal ist die Novelle interessanter, als der Naturalismus-Etikett vermuten lässt: Die Eisenbahn wird zu einem Bild, das weit über die Milieustudie hinausgeht. Streng genommen steht der Text zwischen Realismus und Naturalismus.
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„Vor Sonnenaufgang“ von Gerhart Hauptmann (1889)
Hauptmanns Debüt und der Skandal, mit dem die Epoche auf der Bühne ankommt. Ein Sozialreformer besucht eine durch Kohlefunde reich gewordene Bauernfamilie, in der alle trinken, und verlässt die Frau, die er liebt, als er von der Trunksucht in ihrer Familie erfährt – aus Sorge um die Vererbung. Die Uraufführung an der Freien Bühne endete in Tumulten.
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„Papa Hamlet“ von Arno Holz und Johannes Schlaf (1889)
Das Experiment, an dem sich der Sekundenstil zeigt. Ein verkrachter Schauspieler lässt seine Familie verwahrlosen und zitiert dabei Shakespeare. Erzählt wird in Echtzeit, mit Pausen, Geräuschen und unvollständigen Sätzen. Als literarisches Lesevergnügen ist das anstrengend – als Beleg dafür, wie weit die Epoche die Abbildung treiben wollte, unersetzlich.
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„Der Biberpelz“ von Gerhart Hauptmann (1893)
Der Gegenbeweis dafür, dass Naturalismus zwangsläufig düster sein muss. Die Waschfrau Mutter Wolffen stiehlt Holz und einen Pelzmantel und führt dabei einen preußischen Amtsvorsteher an der Nase herum, der so sehr mit der Jagd auf Sozialdemokraten beschäftigt ist, dass er den Diebstahl vor seiner Nase übersieht. Eine Diebeskomödie, in der die Diebin sympathisch ist und die Obrigkeit lächerlich.
Milieu, Dialekt und soziale Frage sind dieselben wie in „Die Weber“ – nur die Tonlage ist eine andere. Wer den Naturalismus für humorlos hält, sollte dieses Stück lesen.
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Warum die Epoche so kurz bleibt
Weil ihr Programm sich selbst begrenzt. Wer die Wirklichkeit möglichst genau abbilden will, kann irgendwann nur noch genauer werden. Schon um 1900 wenden sich dieselben Autoren anderen Formen zu – Hauptmann schreibt Märchendramen, und parallel entstehen Impressionismus und Symbolismus, die dem Naturalismus gerade seine Nüchternheit vorwerfen. Die nächste große Bewegung, der Expressionismus, dreht das Verhältnis vollständig um: Nicht die äußere Wirklichkeit zählt, sondern der innere Ausdruck. Mehr dazu im Beitrag zur Moderne.
Was ich davon halte
Der Naturalismus ist die Epoche, die am meisten gewollt und am wenigsten erreicht hat. Die Idee, Literatur wie eine Messung zu betreiben, geht nicht auf – jede Auswahl ist schon eine Deutung, und das wussten die Autoren selbst. Was bleibt, sind ein paar sehr gute Texte, die funktionieren, weil sie sich nicht an ihr eigenes Programm halten. „Bahnwärter Thiel“ ist deshalb stark, weil die Eisenbahn eben doch ein Symbol ist.
Wenn man eine Epoche wählen müsste, deren Texte man heute noch aus eigenem Antrieb liest, wäre es nicht diese. Für das Verständnis dessen, was danach kam, ist sie trotzdem unverzichtbar.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Realismus und Naturalismus?
Der Realismus zeigt die Wirklichkeit gefiltert und ästhetisch geordnet, das Elend bleibt am Rand. Der Naturalismus lässt genau das in den Mittelpunkt: Armut, Krankheit, Dialekt, körperlicher Verfall. Dazu kommt der Anspruch, wissenschaftlich vorzugehen und den Menschen aus Vererbung und Milieu zu erklären.
Was bedeutet Sekundenstil?
Dass die erzählte Zeit und die Erzählzeit gleich lang sind – eine Minute Handlung braucht eine Minute Text. Dazu gehört, dass Geräusche, Pausen, Wiederholungen und abgebrochene Sätze mitgeschrieben werden. Der Begriff geht auf Arno Holz und Johannes Schlaf zurück.
Was war die Freie Bühne?
Ein 1889 in Berlin gegründeter Verein, der Stücke vor geladenen Mitgliedern aufführte. Weil es sich formal um geschlossene Veranstaltungen handelte, griff die Theaterzensur nicht. Ohne diese Konstruktion wären Hauptmanns frühe Stücke in Deutschland nicht auf die Bühne gekommen.
Welcher Text eignet sich als Einstieg?
„Bahnwärter Thiel“ – kurz, erzählerisch zugänglich und der am häufigsten behandelte Text der Epoche. Wer das Drama kennenlernen will, nimmt „Die Weber“, sollte sich aber auf den schlesischen Dialekt einstellen; die meisten Schulausgaben enthalten dafür Worterklärungen.
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Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Davor liegt der Realismus, danach folgt die Moderne. Wie anders dieselbe soziale Frage fünfzig Jahre früher behandelt wurde, zeigt der Beitrag zu Biedermeier und Vormärz.
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