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Das Wichtigste in Kürze
- „Tintenherz“ verbindet drei Dinge: die Idee, dass Figuren aus Büchern heraustreten, eine Vater-Tochter-Geschichte und eine Liebeserklärung ans Lesen selbst.
- Die üblichen Listen empfehlen nur Fantasy für Kinder. Erwachsene, die den Roman mochten, meinen meistens die Metaebene.
- Wer die Idee vom Lesen als Türöffner sucht, liest „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende.
- Wer Nachschub für dasselbe Alter sucht, liest „Nevermoor“ von Jessica Townsend.
- Wer die Buchliebe für Erwachsene sucht, liest „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón oder „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers.
- Die Tintenwelt hat inzwischen vier Bände. „Die Farbe der Rache“ erschien 2023, zwanzig Jahre nach dem ersten Teil.
Was „Tintenherz“ zusammenhält
„Tintenherz“ erschien 2003 und war Cornelia Funkes internationaler Durchbruch. Mo Folchart, Buchbinder, kann Figuren aus Büchern herauslesen. Als er neun Jahre zuvor seiner Tochter Meggie aus einem Roman namens „Tintenherz“ vorlas, kamen der Schurke Capricorn und der Feuerspucker Staubfinger heraus, und Meggies Mutter Resa verschwand dafür hinein. Der Roman setzt ein, als Capricorn Mo findet.
Wer nach etwas Ähnlichem sucht, meint fast nie „irgendein Fantasyroman für Zehnjährige“. Gemeint ist eine von drei Sachen, und sie führen zu ganz verschiedenen Büchern.
Die Metaebene. Bücher sind hier der Gegenstand der Erzählung und kein bloßes Mittel. Jedes Kapitel beginnt mit einem Zitat aus einem anderen Roman, die Figuren diskutieren über Literatur, und der zentrale Konflikt entsteht aus einem Vorlesevorgang. Diese Bauweise ist selten und hat wenige echte Verwandte.
Die Vater-Tochter-Geschichte. Mo ist ein ungewöhnlicher Held: erwachsen, vorsichtig, von Schuld belastet. Meggie muss die Sache am Ende selbst zu Ende bringen. Wer das mochte, sucht Bücher mit Familie im Zentrum und nicht mit Auserwähltsein.
Die Kulisse. Ligurien, ein verfallenes Dorf, ein Haus voller Bücher, ein Feuerspucker mit Marder. Funke schreibt warm und ausführlich, und ihre Bösewichte sind altmodisch böse. Wer den Ton sucht, wird bei kühler erzählter Fantasy nicht glücklich.
Sechs Bücher, sortiert nach dem, was du suchst
1. „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende
Bastian Balthasar Bux stiehlt aus einem Antiquariat ein Buch, versteckt sich damit auf dem Dachboden seiner Schule und liest von Phantásien, einem Reich, das vom Nichts aufgefressen wird. Irgendwann merkt er, dass die Figuren im Buch auf ihn warten.
Warum ähnlich: Das ist die Vorlage, an der sich „Tintenherz“ abarbeitet. Beide Romane handeln davon, dass Lesen eine Grenze verschiebt, in beiden wechselt eine Figur die Seite, und beide sind zweifarbig gedruckt oder mit Zierbuchstaben gestaltet, damit das Buch selbst zum Gegenstand wird. Funke hat den Bezug mehrfach bestätigt.
Was anders ist: Ende geht in die andere Richtung. Bei ihm reist ein Leser ins Buch, bei Funke kommen die Figuren heraus. Und Endes zweite Hälfte ist deutlich sperriger: Bastian wird unsympathisch, bevor er zurückfindet, und viele Leser hören vorher auf.
Für wen: Für Leser ab etwa elf und für Erwachsene, die den Ursprung der Idee lesen wollen. Rund vierhundertfünfzig Seiten. Wer nur den Film kennt, kennt die erste Hälfte.
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2. „Nevermoor“ von Jessica Townsend
Morrigan Crow gilt als verflucht und soll an ihrem elften Geburtstag sterben. Stattdessen holt sie ein Mann mit rotem Haar und riesigem Schirm in die verborgene Stadt Nevermoor, wo sie sich für die Aufnahme in eine geheime Gesellschaft qualifizieren muss.
Warum ähnlich: Von den sechs Titeln der nächste Treffer für dieselbe Leserschaft. Eine erwachsene Bezugsperson, die beschützt und Geheimnisse hat, eine Welt neben unserer, ein Bösewicht mit Namen, und ein Erzählton, der warm bleibt, ohne kindisch zu werden. Townsend schreibt außerdem so bildreich wie Funke.
Was anders ist: Die Metaebene fehlt vollständig. Bücher spielen keine Rolle, und die Magie funktioniert nach eigenen Regeln statt über das Vorlesen. Dafür gibt es mehr Humor und ein schnelleres Tempo.
Für wen: Für Leser zwischen zehn und vierzehn, die nach „Tintenherz“ direkt weiterlesen wollen. Vier Bände sind auf Deutsch erschienen, die Reihe läuft weiter.
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3. „Das Buch der verlorenen Dinge“ von John Connolly
David ist zwölf, seine Mutter ist gestorben, der Vater hat neu geheiratet, und in seinem Zimmer fangen die Bücher an zu flüstern. Durch einen Riss in der Gartenmauer gelangt er in ein Land, in dem die Märchen seiner Kindheit vorkommen, allerdings in ihrer alten, grausamen Fassung.
Warum ähnlich: Dieselbe Grundidee, ins Düstere gedreht. Auch hier ist die Bibliothek der Ausgangspunkt, auch hier werden Geschichten lebendig, und auch hier geht es um ein Kind, das einen Elternteil verloren hat. Connolly zitiert dabei so offen aus der Märchentradition, wie Funke aus der Abenteuerliteratur zitiert.
Was anders ist: Das Buch ist für Erwachsene geschrieben und deutlich brutaler. Es gibt verstümmelte Kinder, einen Wolfsmenschen und einen Antagonisten, der psychologisch arbeitet. Wer „Tintenherz“ als Familienbuch gelesen hat, sollte das wissen.
Für wen: Für erwachsene Leser und Jugendliche ab etwa sechzehn, die die Idee in einer härteren Fassung wollen. Wer das Buch an ein Kind weitergeben will, nimmt stattdessen „Nevermoor“.
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4. „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers
Der Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz erbt ein Manuskript von unfassbarer Qualität und reist nach Buchhaim, um den Verfasser zu finden. Unter der Stadt liegen Katakomben voller Bücher, Bücherjäger und eines Wesens namens Schattenkönig.
Warum ähnlich: Es ist dieselbe Liebe zum Gegenstand Buch, nur ins Groteske getrieben. Auch Moers baut seinen Roman aus Zitaten, erfundenen Autoren und Anspielungen, und auch bei ihm ist die Bibliothek ein gefährlicher Ort. Wer bei Funke das Antiquarische mochte, findet hier fünfhundert Seiten davon.
Was anders ist: Moers erzählt komisch und ausschweifend. Es gibt keine Familie, keine emotionale Achse und keine Figur, um die man bangt. Der Reiz liegt in der Erfindung und im Sprachwitz.
Für wen: Für Leser ab etwa vierzehn und für Erwachsene, die sich an Wortspielen und Namensanagrammen freuen. Wer eine Geschichte mit Herz sucht, ist bei den anderen fünf besser aufgehoben.
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5. „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón
Barcelona, 1945. Daniel ist zehn, als sein Vater ihn in den Friedhof der Vergessenen Bücher führt, ein verborgenes Labyrinth aus Regalen. Er darf ein Buch mitnehmen und muss es sein Leben lang beschützen. Jemand anders sucht dasselbe Buch, um es zu verbrennen.
Warum ähnlich: Die erwachsene Fassung derselben Idee. Ein Kind, ein Buch, ein Vater, der die Sache ernst nimmt, und eine Bedrohung, die vom Text selbst ausgeht. Zafón beschreibt Bücher so körperlich wie Funke: Papier, Leim, Geruch, Einband.
Was anders ist: Bei Zafón bleibt alles im Rahmen des Möglichen. Niemand liest Figuren heraus, die Bedrohung ist ein Mensch, und der historische Hintergrund der Franco-Diktatur bestimmt das Geschehen. Der Roman ist außerdem eine Liebesgeschichte.
Für wen: Für erwachsene Leser, die die Buchliebe wiederhaben wollen und mit Melodram zurechtkommen. Rund fünfhundert Seiten und der Auftakt einer Tetralogie.
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6. „Die Chroniken von Narnia“ von C. S. Lewis
Vier Geschwister werden im Krieg aufs Land geschickt und finden im Haus eines Professors einen Kleiderschrank, hinter dem ein verschneiter Wald liegt. In Narnia herrscht seit hundert Jahren Winter, und ein Löwe namens Aslan wird erwartet.
Warum ähnlich: Die klassische Fassung des Übergangs. Ein alltäglicher Gegenstand führt in eine zweite Welt, Kinder tragen dort Verantwortung, und die Rückkehr ist Teil der Geschichte. Funke erzählt denselben Grundvorgang mit einem Buch statt einem Schrank.
Was anders ist: Lewis schreibt kürzer, schneller und mit einer christlichen Deutungsebene, die spätestens im letzten Band offen liegt. Die Figuren sind einfacher gezeichnet, und die Bücher stammen aus den fünfziger Jahren, was man an den Rollen der Geschwister merkt.
Für wen: Für Leser ab etwa acht zum Vorlesen und ab zehn zum Selbstlesen. Sieben schmale Bände, die man zügig durchhat.
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Wenn du bei Cornelia Funke bleiben willst
Die Tintenwelt umfasst vier Bände: „Tintenherz“ (2003), „Tintenblut“ (2005), „Tintentod“ (2007) und „Die Farbe der Rache“ (2023). Band 2 spielt fast vollständig in der Buchwelt und ist deutlich düsterer als der Auftakt. Wer nach Band 1 aufhört, verpasst die Wendung, dass die Welt aus dem Buch eine eigene Geschichte hat.
Außerhalb der Tintenwelt lohnen „Reckless“ für ältere Leser ab etwa dreizehn, weil Funke dort ihre Märchenkenntnis auf ein Spiegelreich anwendet, und „Herr der Diebe“ für jüngere, weil es in Venedig spielt und ohne Fantasy auskommt. „Drachenreiter“ ist der beste Einstieg für Leser unter zehn.
Was ich von „Tintenherz“ halte
Die Idee ist besser als ihre Ausführung, und das meine ich als Kompliment an die Idee. Ein Buchbinder, der Figuren herausliest und dafür seine Frau verliert, ist eine der stärksten Prämissen im deutschen Kinderbuch der letzten dreißig Jahre. Funke schreibt außerdem ausgezeichnet über Gegenstände: Ihre Bücher riechen, knacken und lassen sich anfassen.
Was mich stört, ist das Mittelstück. Zwischen der Entführung und dem Finale in Capricorns Dorf zieht sich der Roman, und Meggie bleibt dabei erstaunlich lange passiv für eine Hauptfigur. Wer mit einem ungeduldigen Kind liest, sollte die Kapitel im Mittelteil straffen.
Meine Empfehlung: Lies Band 1 und Band 2 zusammen. Erst in „Tintenblut“ zahlt sich die Konstruktion aus.
Drei Titel, die überall empfohlen werden und hier fehlen
„Harry Potter“. Steht in jeder Liste, weil beide Reihen im selben Jahrzehnt für dieselbe Altersgruppe erschienen. Die Gemeinsamkeit endet dort: Rowling erzählt eine Internatsreihe mit Auserwähltem, Funke ein Familienbuch über Literatur. Wer trotzdem in diese Richtung will, findet die passenden Titel unter ähnliche Bücher wie Harry Potter.
„Eragon“. Wird genannt, weil es ebenfalls Jugendfantasy aus derselben Zeit ist. Es hat weder Metaebene noch Familienachse und folgt dem klassischen Auserwählten-Muster, das Funke gerade vermeidet.
„Die Bücherdiebin“. Kommt vor, weil Bücher im Titel stehen. Zusaks Roman handelt vom Deutschland der NS-Zeit und ist kein Fantasyroman. Die Verbindung ist rein sprachlich. Wer die ernste Variante sucht, findet sie unter ähnliche Bücher wie „Die Bücherdiebin“.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter ist „Tintenherz“ geeignet?
Der Verlag nennt zehn Jahre. Zum Vorlesen geht es ab acht, allein gelesen wird es wegen der Länge von rund fünfhundert Seiten meistens ab elf. Capricorns Dorf und die Feuerszenen sind für empfindliche Kinder unangenehm.
In welcher Reihenfolge liest man die Tintenwelt?
Streng nach Erscheinen: „Tintenherz“, „Tintenblut“, „Tintentod“, „Die Farbe der Rache“. Band 4 erschien sechzehn Jahre nach Band 3 und setzt die Kenntnis der ersten drei voraus.
Lohnt sich der Film von 2008?
Als Ergänzung mit Vorbehalt. Die Besetzung mit Brendan Fraser als Mo ist gut gewählt, weil Funke die Figur nach eigener Aussage mit ihm im Kopf geschrieben hat. Das Drehbuch zieht den Roman allerdings stark zusammen und ändert den Schluss.
Welches Buch kommt „Tintenherz“ am nächsten?
In der Idee „Die unendliche Geschichte“, im Leseerlebnis für dieselbe Altersgruppe „Nevermoor“.
Gibt es die Reihe als Hörbuch?
Ja, gelesen von Rainer Strecker, und diese Fassung gilt als eine der besten deutschen Kinderbuchproduktionen. Für lange Autofahrten die bessere Wahl als der Film.
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Weitere Ausgangstitel mit Anschlussempfehlungen stehen in der Übersicht Alle Bücher mit Empfehlungen. Für dieselbe Altersgruppe lohnen die Seiten zu Woodwalkers und zu ähnlichen Büchern wie Harry Potter; wer nach Fantasy für Erwachsene sucht, findet sie im Beitrag Fantasy-Reihen für Erwachsene.
Dein Ausgangstitel steht hier nicht? Der Buchfinder für ähnliche Bücher nimmt jeden Titel entgegen und schlägt dir bis zu drei Anschlussbücher mit Begründung vor.
Diese Seite verantwortet Jakob Sommer. Welche Bücher ich selbst gelesen habe und wo eine Einschätzung auf Rezensionen und Verlagsangaben beruht, steht unter Die Methode.
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