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Das Wichtigste in Kürze
- Juli Zehs Romane sind wie Gerichtsverfahren gebaut: zwei Positionen, beide mit guten Argumenten, kein Urteil am Schluss. Wer eine Empfehlung sucht, sollte deshalb fragen, welchen Streit er noch einmal führen will — nicht, welches Genre.
- Für die juristische Seite: „Verbrechen“ von Ferdinand von Schirach. Für den Dorfkonflikt: „Altes Land“ von Dörte Hansen und „Alte Sorten“ von Ewald Arenz.
- Für die Nahzukunft: „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling, „Der Circle“ von Dave Eggers und der Urahn der Gattung, „Wir“ von Jewgenij Samjatin.
- Wer Zeh selbst noch nicht kennt, sollte nicht automatisch mit „Unterleuten“ anfangen — 640 Seiten Dorfpanorama sind der falsche Einstieg, wenn man eigentlich etwas Kurzes wollte.
- Zeh hat Jura studiert, im Völkerrecht promoviert und ist ehrenamtlich Richterin am brandenburgischen Landesverfassungsgericht. Das ist keine Randnotiz, sondern die Erklärung für ihre gesamte Erzählweise.
Das Prinzip: Zeh schreibt keine Geschichten, sie schreibt Verhandlungen
Es gibt einen Grund, warum Leserinnen und Leser nach einem Juli-Zeh-Roman oft nicht sagen können, was ihnen daran gefallen hat. Sie erinnern sich nicht an eine Figur und selten an eine Wendung — sie erinnern sich an einen Konflikt, in dem sie irgendwann die Seiten gewechselt haben.
Das ist kein Zufall, sondern Methode. Fast jedes ihrer Bücher stellt zwei Positionen gegeneinander, gibt beiden ihre besten Argumente und weigert sich dann, eine davon zu bevorzugen.

Wenn das funktioniert, entsteht etwas, das im deutschen Gegenwartsroman selten ist: ein Buch, das man mit jemandem diskutieren muss. Wenn es nicht funktioniert, merkt man, dass eine der beiden Seiten nur als Stichwortgeber gebaut wurde — auch das kommt vor, und die Kritik hat es ihr regelmäßig vorgehalten.
Für die Suche nach dem nächsten Buch heißt das: Die üblichen Vergleichslisten, die Zeh unter „deutsche Gegenwartsliteratur“ ablegen und daraufhin andere deutsche Gegenwartsliteratur vorschlagen, treffen an dieser Stelle daneben. Passend ist, wer denselben Streit noch einmal führt.
Womit anfangen, wenn du Zeh noch nicht kennst
Zehn Romane, und sie unterscheiden sich stärker voneinander als die Werke der meisten Autorinnen. Der häufigste Fehlgriff im Buchhandel ist „Unterleuten“ als Einstieg — es ist ihr bekanntestes Buch und mit Abstand ihr dickstes.

Kurz zusammengefasst: „Unterleuten“ für das große Bild, „Nullzeit“ für den schnellen Einstieg, „Corpus Delicti“ für die Dystopie und „Zwischen Welten“ für den Streit ohne Umweg. „Corpus Delicti“ entstand übrigens zuerst als Theaterstück und wurde erst danach zum Roman — das erklärt, warum es so viel gesprochene Auseinandersetzung enthält und so wenig Handlung.
Sechs Bücher, die denselben Streit führen
„Verbrechen“ von Ferdinand von Schirach
Elf kurze Geschichten aus der Praxis eines Strafverteidigers: ein Arzt, der nach vierzig Ehejahren zur Axt greift; ein Bruder, der für seinen Bruder ins Gefängnis geht; ein Mann, der ein Museum bestiehlt und nicht sagt, warum. Jede Geschichte hat einen Fall, eine Erklärung und keine Moral.
Warum ähnlich: Schirach ist der zweite Jurist im deutschen Literaturbetrieb, der so schreibt, und er treibt Zehs Verfahren auf die kürzeste mögliche Form. Zwanzig Seiten, ein Mensch, eine Tat, und am Ende steht der Leser da und weiß nicht, was er finden soll. Wer „Corpus Delicti“ oder „Unterleuten“ wegen dieser Unentschiedenheit mochte, bekommt sie hier in Reinform.
Was anders ist: Schirach argumentiert nicht, er erzählt. Bei Zeh reden die Figuren über ihre Positionen, bei Schirach kommt man nur über Handlungen an sie heran. Das ist die kühlere Variante.
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„Altes Land“ von Dörte Hansen
Vera kam 1945 als Flüchtlingskind in ein niedersächsisches Bauernhaus und ist dort nach siebzig Jahren immer noch die Fremde. Dann steht ihre Nichte Anne vor der Tür, mit Kind und ohne Mann, nachdem sie es in Hamburg-Ottensen nicht mehr ausgehalten hat.
Warum ähnlich: Es ist derselbe Konflikt wie in „Unterleuten“ und „Über Menschen“ — Zugezogene gegen Alteingesessene, Stadtidee gegen Dorfrealität —, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Zeh schreibt ihn als Eskalation, Hansen als Beobachtung. Beide wissen sehr genau, wie schnell aus einer Nachbarschaft ein Frontverlauf wird.
Was anders ist: Hansen ist witziger und milder. Sie lässt ihre Figuren nicht auflaufen, sie lässt sie altern. Wer nach Zeh etwas braucht, das nicht wehtut, nimmt dieses Buch.
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„Alte Sorten“ von Ewald Arenz
Sally ist siebzehn und aus einer Klinik ausgerissen. Liss bewirtschaftet allein einen Hof und stellt keine Fragen. Die beiden arbeiten einen Sommer lang nebeneinander, und irgendwann erzählen sie sich, was passiert ist.
Warum ähnlich: die Landwirtschaft als Ernstfall. Zeh und Arenz gehören zu den wenigen deutschen Autoren, die einen Hof nicht als Kulisse benutzen, sondern als Arbeitsplatz mit Zahlen, Wetter und Erschöpfung. Wer in „Zwischen Welten“ die Brandenburger Landwirtin überzeugender fand als den Hamburger Journalisten, ist hier richtig.
Was anders ist: kein politischer Streit, nur zwei Menschen. Das Buch ist unter zweihundertfünfzig Seiten lang und die freundlichste Empfehlung dieser Liste.
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„QualityLand“ von Marc-Uwe Kling
Ein Land in naher Zukunft, in dem Algorithmen wissen, was man will, bevor man es weiß, und einem entsprechend zuschicken. Peter Arbeitsloser — Nachnamen richten sich nach dem Beruf der Eltern — bekommt ein Paket, das er nicht bestellt hat, und versucht, es zurückzugeben. Das ist im System nicht vorgesehen.
Warum ähnlich: Es ist „Corpus Delicti“ als Komödie. Beide Bücher nehmen eine Gegenwartstendenz — dort Gesundheitsoptimierung, hier Personalisierung — und rechnen sie zu Ende. Beide sind eher Argument als Handlung, und beide funktionieren, weil ihre Zukunft unangenehm nah wirkt.
Was anders ist: Kling ist Kabarettist, und man merkt es auf jeder Seite. Wer Zehs Ernst schätzt, wird den Ton albern finden; wer nach „Leere Herzen“ etwas Luft braucht, wird dankbar sein. Mehr in diese Richtung steht in unserer Liste zu spannenden Dystopien mit Bezug zu Deutschland.
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„Wir“ von Jewgenij Samjatin
Der Einzige Staat hat alles geregelt: die Arbeitszeit, die Ernährung, den Sex und die Häuser, die aus Glas bestehen, damit niemand etwas verbergen kann. D-503 baut ein Raumschiff und führt ein Tagebuch, in dem er zunächst begeistert erklärt, wie vernünftig das alles ist.
Warum ähnlich: Weil „Corpus Delicti“ ohne dieses Buch nicht denkbar wäre. Samjatin schrieb 1920 die erste Diktatur, die nicht mit Gewalt begründet wird, sondern mit Vernunft und Fürsorge — genau die Konstruktion, die Zeh knapp neunzig Jahre später auf Gesundheit ummünzt. Orwell und Huxley kamen später und kannten es.
Was anders ist: Der Text ist sprachlich sperrig, in kurzen Notaten geschrieben und stellenweise anstrengend. Dafür ist er kurz und man liest die halbe Gattungsgeschichte gleich mit.
„Der Circle“ von Dave Eggers
Mae bekommt einen Job bei dem Konzern, bei dem alle arbeiten wollen, und arbeitet sich hoch, indem sie immer mehr von sich sichtbar macht. Am Ende trägt sie eine Kamera um den Hals und findet das richtig.
Warum ähnlich: dieselbe Frage aus der anderen Richtung. Zehs Gesundheitsstaat zwingt, Eggers‘ Konzern überredet — und beide Bücher landen bei derselben Pointe: Die schlimmste Überwachung ist die, der man zustimmt. Wer „Corpus Delicti“ zu deutsch fand, hat hier die kalifornische Fassung.
Was anders ist: Eggers gibt seiner Gegenposition weniger Raum, als Zeh es täte. Der Roman weiß von Anfang an, was er findet. Wer die echte Verhandlung sucht, ist bei ihr besser aufgehoben — wer die Zuspitzung will, hier.
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Als siebte Möglichkeit, für alle, die den Streit gern eine Spur intellektueller hätten: „Kraft“ von Jonas Lüscher — ein deutscher Rhetorikprofessor soll im Silicon Valley in achtzehn Minuten beweisen, dass alles zum Besten steht, und braucht das Preisgeld dringend.
Was Zeh von anderen deutschen Gegenwartsautoren unterscheidet
Der deutsche Gegenwartsroman hat zwei bevorzugte Gegenstände. Der eine ist die Familie über drei Generationen, meist mit einem Geheimnis in der Mitte. Der andere ist das erzählende Ich, das sich selbst betrachtet. Beides wird gut gemacht, und beides ist gut vertreten.
Zeh schreibt über etwas Drittes: über Institutionen. Bei ihr geht es um Baugenehmigungen, Flächennutzungspläne, Krankenkassenbeiträge, Agrarsubventionen, Gerichtsverfahren und Vereinsprotokolle. In „Unterleuten“ ist der eigentliche Motor kein Familiengeheimnis, sondern eine Grundstücksfrage. In „Corpus Delicti“ verliert eine Frau nicht ihre Liebe, sondern ein Verfahren. Das klingt trocken und ist der Grund, warum ihre Bücher funktionieren: Institutionen sind die Stellen, an denen weltanschauliche Fragen tatsächlich entschieden werden, und sonst schreibt darüber in der deutschen Literatur fast niemand.
Daraus folgt auch die zweite Besonderheit. Ihre Konflikte sind lokal, aber nie privat. Wer in einem Zeh-Roman streitet, streitet nie nur mit einem Nachbarn — er streitet mit einer Verordnung, einer Behörde oder einer Mehrheit, die den Nachbarn stützt. Das macht die Bücher anstrengender und brauchbarer als die meisten Romane, die das Etikett „Gesellschaftsroman“ tragen.
Wenn du bei Zeh bleiben willst: die weniger bekannten Bücher
Die vier Einstiege oben decken das ab, was in jeder Buchhandlung liegt. Drei weitere lohnen sich, tauchen aber selten in Empfehlungen auf.
„Adler und Engel“ ist ihr Debüt von 2001 und das ungezähmteste ihrer Bücher: ein Völkerrechtler, Kokain, der Zerfall Jugoslawiens, ein Erzähler, der sich beim Reden auflöst. Wer die späteren Romane für zu konstruiert hält, sollte hier nachsehen, wo sie herkommt.
„Schilf“ von 2007 ist ein Kriminalroman, in dem zwei befreundete Physiker über die Frage streiten, ob es mehrere Welten gibt — und in dem diese Frage tatsächlich das Tatmotiv ist. Ein Krimi, dessen Auflösung von einer physikalischen Interpretation abhängt, ist mutig und geht überraschend gut auf.
„Neujahr“ von 2018 ist ihr stillstes Buch: Ein Mann fährt am Neujahrsmorgen auf Lanzarote mit dem Rad einen Berg hinauf, bekommt oben eine Panikattacke und erinnert sich an etwas, das er vergessen hatte. Kein Streit, keine zwei Positionen — der Beweis, dass sie auch anders kann.
Was ich von Juli Zeh halte
Ihre Romane sind besser als ihre Essays, und ich glaube, das hat einen strukturellen Grund. Der Essay erlaubt es, eine Position zu vertreten. Der Roman zwingt sie dazu, der Gegenseite eine Figur zu geben, die man mögen kann — und in diesem Zwang liegt ihre Stärke. „Über Menschen“ funktioniert, weil der Dorfnazi Gote nicht als Argument auftritt, sondern als Nachbar mit einer Kettensäge und einer kranken Tochter. Man muss sich als Leser entscheiden, und das Buch hilft einem nicht.
Zeh ist zugleich eine öffentlich umstrittene Figur; ihre Äußerungen zu Grundrechten in der Pandemie und zur deutschen Ukrainepolitik haben ihr scharfe Kritik eingetragen. Man kann das für erledigt halten oder für wichtig — für die Frage, ob ihre Bücher gut sind, ist es weniger entscheidend, als die Debatten nahelegen. Wo ihre Romane schwächeln, schwächeln sie aus literarischen Gründen: Wenn eine Figur anfängt, ihre Position vorzutragen statt sie zu leben, kippt der Roman ins Lehrstück. In „Leere Herzen“ passiert das mehrfach.
Und ein Lob, das selten ausgesprochen wird: Sie schreibt Landschaft. Die Brandenburger Kiefern, der Sandboden, die Hitze über einem Feld — das sind die besten Absätze in „Unterleuten“ und „Über Menschen“, und sie haben mit dem ganzen Streit gar nichts zu tun.
Häufige Fragen
Muss man die Bücher in einer bestimmten Reihenfolge lesen?
Nein. Alle Romane sind eigenständig, es gibt keine Reihen und keine wiederkehrenden Hauptfiguren. Lose verbunden sind „Unterleuten“ und „Über Menschen“ durch das Milieu — beide spielen in fiktiven Dörfern in Brandenburg —, aber man kann sie in jeder Reihenfolge lesen.
Warum steht „Corpus Delicti“ so oft auf Schul-Leselisten?
Weil das Buch für den Unterricht fast ideal gebaut ist: kurz, thesenhaft, mit einer klaren Frage und zwei Figuren, die sie gegeneinander verhandeln. Es hilft zusätzlich, dass es ursprünglich ein Theaterstück war — der Text besteht zu großen Teilen aus Auseinandersetzungen, die man im Klassenzimmer nachspielen kann.
Ist „Unterleuten“ verfilmt worden?
Ja, als dreiteilige Fernsehfassung. Sie hält sich eng an das Buch und leidet an demselben Problem wie jede Verfilmung eines Vielstimmenromans: Was im Text funktioniert, weil jede Perspektive eine eigene Wahrheit behauptet, wird im Bild zu einer einzigen Sicht auf die Dinge.
Sind die Bücher schwer zu lesen?
Sprachlich nein — Zeh schreibt klar und ohne Manierismen. Anstrengend sind sie aus einem anderen Grund: Man wird beim Lesen ständig gefragt, wie man selbst entscheiden würde, und bekommt keine Antwort geliefert. Wer Romane liest, um sich zu entspannen, ist bei ihr falsch. Wer sie liest, um hinterher mit jemandem zu streiten, richtig.
Für welche Zeh sollte man sich entscheiden, wenn man nur ein Buch liest?
„Über Menschen“. Es ist kürzer als „Unterleuten“, aktueller als „Corpus Delicti“ und es enthält alles, was sie ausmacht — den Streit, das Dorf, die Weigerung, den Leser zu beruhigen — auf rund vierhundert Seiten.
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Weitere Ausgangstitel mit Anschlussempfehlungen stehen in der Übersicht Ähnliche Bücher finden. Thematisch daneben liegen die Liste Spannende Dystopien mit Bezug zu Deutschland sowie der Beitrag zu Science-Fiction in und aus Deutschland. Wer Ferdinand von Schirach weiterverfolgen will, findet ihn auch im Beitrag zu ähnlichen Büchern wie „Der Vorleser“.
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