Stand: Oktober 2024.
Das Wichtigste in Kürze
- Unter „historische Saga“ stehen zwei verschiedene Sorten Buch. Die eine folgt einer Frau durch ein Leben, die andere einer Familie über Generationen. Wer die eine mag, langweilt sich bei der anderen.
- Nach Die Hebamme passt Die Wanderhure oder Die Charité, nicht Die Säulen der Erde – obwohl alle drei Listen das Gegenteil behaupten.
- Nach Die sieben Schwestern passt die Waringham-Saga, wenn die Generationen getragen haben, und die Tuchvilla, wenn es das Haus war.
- Der zweite Trennstrich ist der Schwerpunkt: Handwerk und Heilkunde auf der einen Seite, Politik und Zeitgeschichte auf der anderen. Follett steht mit zwei Reihen auf beiden Seiten.
- Fast alle diese Reihen sind Fallreihen ohne zwingende Reihenfolge – mit einer Ausnahme, bei der die Bände aufeinander aufbauen.

Warum das Etikett nichts sagt
„Historische Familiensaga“ steht heute auf Büchern, die außer dem Erscheinungsjahrhundert ihrer
Handlung nichts gemeinsam haben. Das reicht vom Handwerksroman über eine Hebamme im 12. Jahrhundert
bis zur Chronik einer Reederfamilie über hundert Jahre. Beide Sorten verkaufen sich, beide haben
dieselben Umschläge, und beide werden einander empfohlen.
Der Unterschied lässt sich an einer Frage festmachen: Wer ist die Hauptfigur – ein Mensch
oder eine Linie? Bei der einen Sorte begleitet man eine Person von der Jugend bis ins Alter
und kennt sie am Ende. Bei der anderen sterben die Figuren unterwegs weg, und was bleibt, ist ein
Name, ein Haus oder ein Betrieb.
Daraus folgen zwei völlig verschiedene Leseerfahrungen. Die erste Sorte lebt von Nähe, die zweite
von Überblick. Wer mit der Erwartung auf Nähe in eine Generationenchronik gerät, findet sie kalt und
hetzend; wer umgekehrt Überblick sucht und einen Handwerksroman bekommt, findet ihn eng.
Die eine Frau, ein Leben
Die Hebamme von Sabine Ebert, ab 2006, ist der deutsche Maßstab dieser Sorte. Marthe
ist Heilkundige im 12. Jahrhundert, und die Reihe folgt ihr über mehrere Bände durch die Besiedlung
Sachsens. Was das Buch trägt, ist das Fachwissen: Geburtshilfe, Kräuter, der Argwohn gegen Frauen, die
zu viel wissen.
Die Wanderhure von Iny Lorentz, ab 2004, ist die schnellere Variante desselben
Musters. Weniger Handwerk, mehr Bewegung, ein Aufstiegs- und Racheplot. Wer bei Ebert die genauen
Alltagsbeschreibungen mochte, wird das hier vermissen; wer sie zäh fand, findet hier den besseren
Rhythmus.
Die Päpstin von Donna W. Cross, 1996, steht am anderen Ende dieser Reihe: eine Frau,
ein Leben – aber der Konflikt ist von Anfang an politisch. Sie ist damit der Übergang zur zweiten
Sorte und ein guter Test: Wer sie mochte, kann nach oben rechts auf der Karte weitergehen.
Die Institution als Hauptfigur
Die Charité von Ulrike Schweikert, ab 2018, gehört formal zur ersten Sorte und
weicht in einem Punkt ab: Die Hauptfigur ist das Krankenhaus. Jeder Band spielt in einer anderen
Epoche mit anderem Personal, und was durchläuft, ist die Institution.
Das ist die praktisch nützlichste Bauart im Genre, weil sie beide Bedürfnisse bedient: Nähe
innerhalb eines Bandes, Überblick über die Reihe. Wer nicht weiß, welche der beiden Sorten er will,
fängt hier an.
Dieselbe Bauart, anderes Milieu: Die Tuchvilla von Anne Jacobs, ab 2014. Nicht ein
Krankenhaus, sondern eine Augsburger Fabrikantenfamilie und ihr Haus – und damit schon halb in der
Generationenchronik.
Die Familie über Generationen
Die sieben Schwestern von Lucinda Riley, ab 2014, ist die meistgenannte Reihe dieser
Art. Jeder Band gehört einer Adoptivtochter und führt über eine Rahmenhandlung in der Gegenwart in
eine andere Zeit und ein anderes Land. Die Klammer ist die Familie, nicht die Epoche.
Die Waringham-Saga von Rebecca Gablé, ab 1997, ist der Gegenentwurf: eine
englische Adelsfamilie, deren Bände sich an der Geschichte des Landes entlanghangeln. Hier ist die
Familie das Mittel und die Zeitgeschichte der Zweck. Wer wissen will, wie sich das anfühlt, findet auf
der Seite zur Waringham-Saga die Bandfolge und den
Einstieg.
Die Säulen der Erde von Ken Follett, 1989, steht dazwischen und wird deshalb so oft
falsch empfohlen. Es ist ein Handwerksroman – Kathedralbau, Steinmetze, Baustellen – und zugleich eine
Chronik über Jahrzehnte. Follett hat später mit der Jahrhundert-Trilogie die reine
Chronikform geschrieben; wie weit seine Bücher auseinanderliegen, steht auf der
Autorenseite zu Ken Follett.
Der Anschluss, je nach Ausgangsreihe
Wenn es Die Hebamme war: Die Charité
Warum ähnlich: Beide leben von medizinischem Fachwissen und davon, dass eine Frau
sich gegen die Zuständigen durchsetzen muss. Schweikert erzählt in einer Zeit, in der dieser Konflikt
dokumentiert ist, was den Büchern mehr Belegbares gibt und weniger Freiheit. Der Ton ist sachlicher als
bei Ebert.
Wenn es Die sieben Schwestern war: Die Tuchvilla
Warum ähnlich: Dieselbe Konstruktion aus einer Familie und einem Ort, der sie
zusammenhält, ohne den Umweg über eine Gegenwartsrahmung. Jacobs bleibt in einer Zeit und einem Land,
was die Reihe geschlossener macht – und für Leser, denen Rileys Länderwechsel zu viel war, der
bessere Zuschnitt.
Wenn es Die Charité war: Die Säulen der Erde
Warum ähnlich: Beide erzählen von einem Bauwerk, das länger lebt als seine
Erbauer, und beide haben ihre besten Stellen dort, wo gearbeitet wird. Der Unterschied ist der Umfang:
Follett braucht über tausend Seiten für das, wofür Schweikert einen Band nimmt.
Wenn es Die Wanderhure war: Die Päpstin
Warum ähnlich: Aufstiegsgeschichte einer Frau, die sich eine Rolle nimmt, die ihr
nicht zusteht, mit hohem Tempo und klaren Gegnern. Cross ist historisch umstrittener – der Stoff
selbst gilt als Legende -, erzählt aber dichter.
Wo die Saga aufhört und die Familienchronik anfängt
Die literarische Familienchronik ist die ältere Form, und sie steht in anderen Regalen. Thomas
Manns Buddenbrooks von 1901 erzählt vier Generationen einer Lübecker Kaufmannsfamilie und
gilt als Maßstab dieser Gattung. Formal ist das dieselbe Anlage wie bei Gablé oder Riley: ein Name,
ein Haus, ein Verfall über die Zeit.
Der Unterschied liegt in der Richtung, in die erzählt wird. Die Saga baut auf, die Chronik trägt
ab. Bei Gablé überstehen die Waringhams ihre Jahrhunderte, bei Mann geht die Familie unter, und das
steht schon im Untertitel. Wer aus der Unterhaltungsecke kommt und den Wechsel probieren will, sollte
das wissen: Der Sog, der in einer Saga aus dem Weiterkommen entsteht, entsteht in der Chronik aus dem
Gegenteil.
Praktisch heißt das nicht, dass die eine Form anspruchsvoller wäre als die andere. Es heißt, dass
die Erwartung an das Ende eine andere sein muss.
Reihenfolge: was hier zählt
Die meisten dieser Reihen sind Fallreihen: Jeder Band ist abgeschlossen, und wer quer einsteigt,
verliert nichts als die Entwicklung des Personals. Das gilt für die Charité, die Waringham-Saga und
die sieben Schwestern – bei letzterer sogar ausdrücklich, weil jeder Band einer anderen Schwester
gehört.
Zwei Ausnahmen sind zu beachten. Bei Eberts Hebammen-Reihe läuft eine durchgehende Handlung mit,
weshalb der Einstieg in der Mitte etwas kostet. Und bei den sieben Schwestern gibt es einen
Abschlussband, der die Rahmenhandlung auflöst und deshalb der letzte bleiben sollte. Welche Bauart
welche Regel nach sich zieht, steht in
Buchreihen in der richtigen Reihenfolge lesen.
Häufige Fragen
Sind diese Bücher historisch genau?
Unterschiedlich, und das Etikett sagt nichts darüber. Gablé und Schweikert arbeiten mit
belegten Ereignissen und Figuren, Ebert mit einer belegten Zeit und erfundenem Personal. Bei Stoffen,
die selbst Legende sind, ist die Frage falsch gestellt. Verlässlicher als die Werbung ist das
Nachwort: Wer dort auflistet, was erfunden wurde, hat sich damit befasst.
Muss ich mich zwischen den beiden Sorten entscheiden?
Nein, aber es lohnt sich zu wissen, welche gerade auf dem Tisch liegt. Die häufigste Enttäuschung
in diesem Genre entsteht nicht an schlechten Büchern, sondern daran, dass jemand Nähe erwartet und
Überblick bekommt.
Gibt es das auch außerhalb des Mittelalters?
Der größere Teil des Genres spielt inzwischen im 19. und 20. Jahrhundert. Die Bauart bleibt
dieselbe, nur das Handwerk wechselt: aus der Hebamme wird die Krankenschwester, aus der Zunft die
Fabrik. Wer nach Zeit statt nach Bauart sucht, findet weitere Wege bei den
Einstiegen nach Thema.
Wo fange ich an, wenn ich noch keine gelesen habe?
Mit einem Einzelband, nicht mit einer Reihe. Die Säulen der Erde und Die Päpstin
stehen für sich und zeigen beide Sorten in Reinform. Danach ist die Richtung klar, und der Einstieg in
eine achtbändige Reihe kostet weniger.
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