Die Literaturepoche: Renaissance (ca. 1350 – 1600)

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Das Wichtigste in Kürze

  • Renaissance heißt Wiedergeburt, gemeint ist die Wiederentdeckung der Antike. Die Epoche reicht etwa von 1350 bis 1600 und beginnt in Italien rund hundert Jahre früher als nördlich der Alpen.
  • Der Leitgedanke heißt Humanismus: Der Mensch rückt in den Mittelpunkt, nicht als Gegensatz zu Gott, sondern als dessen begabtestes Geschöpf. Das Losungswort lautet ad fontes, zurück zu den Quellen.
  • Die deutsche Renaissance ist ein Sonderfall: Sie bringt kaum große Dichtung hervor, dafür zwei Umwälzungen, die alles verändern, den Buchdruck um 1450 und die Reformation ab 1517.
  • Luthers Bibelübersetzung ist der folgenreichste deutsche Text der Epoche. Sie hat die Schriftsprache geprägt, in der wir bis heute schreiben.
  • Ohne Gutenberg keine Reformation: Luthers 95 Thesen waren binnen weniger Wochen im ganzen Reich verbreitet, vorher hätte das Jahre gedauert oder gar nicht stattgefunden.
  • 1587 erscheint anonym die „Historia von D. Johann Fausten“. Aus diesem Volksbuch holt Goethe zweihundert Jahre später seinen Stoff.
  • Michel de Montaigne erfindet 1580 mit seinen „Essais“ eine völlig neue Textform, den Essay.

Worum es in der Renaissance geht

Im Mittelalter war die Ordnung vorgegeben: Gott oben, darunter die Stände, jeder an seinem Platz. Der Einzelne war Teil eines Gefüges, nicht dessen Mittelpunkt. Die Renaissance verschiebt genau das.

Auslöser ist die Wiederentdeckung antiker Texte. Humanisten durchsuchen Klosterbibliotheken nach vergessenen Handschriften, vergleichen Fassungen und stellen fest, dass jahrhundertelang mit fehlerhaften Abschriften gearbeitet wurde. Daraus entsteht ein neues Verfahren: Man geht an die Quelle zurück, statt der Auslegung zu vertrauen.

Das klingt nach Philologie und ist politischer Sprengstoff. Wenn man den griechischen Bibeltext selbst prüfen kann, kann man auch prüfen, ob die kirchliche Lehre ihm entspricht. Erasmus von Rotterdam gab 1516 das Neue Testament auf Griechisch heraus: Luther arbeitete wenige Jahre später damit.

Der zweite Bruch ist technisch. Um 1450 druckt Johannes Gutenberg in Mainz mit beweglichen Lettern. Bis dahin war jedes Buch ein handgeschriebenes Einzelstück und entsprechend teuer. Danach lässt sich ein Text in Hunderten identischer Exemplare verbreiten, die Voraussetzung dafür, dass Ideen sich schneller ausbreiten als Verbote.

Die deutsche Renaissance: Reformation statt Dichtung

Wer nach deutschen Renaissance-Romanen oder -Dramen sucht, findet wenig. Das ist kein Zufall. Während in Italien Petrarca Sonette schreibt und in England Shakespeare das Theater erneuert, geht die intellektuelle Energie im deutschen Sprachraum fast vollständig in den Glaubensstreit.

Martin Luther und die Bibelübersetzung

Luther übersetzte das Neue Testament 1522 auf der Wartburg in elf Wochen, die vollständige Bibel erschien 1534. Entscheidend war nicht, dass er übersetzte, deutsche Bibelfassungen gab es vorher, sondern wie. In seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“ von 1530 beschreibt er das Verfahren: Man müsse der Mutter im Hause, den Kindern auf der Gasse und dem gemeinen Mann auf dem Markt aufs Maul sehen und danach übersetzen.

Das Ergebnis ist eine Sprache, die gesprochen klingt und trotzdem trägt. Wendungen wie „Perlen vor die Säue“, „ein Herz und eine Seele“ oder „im Dunkeln tappen“ stammen aus dieser Übersetzung. Weil sie in allen protestantischen Gebieten gelesen wurde, wirkte sie sprachvereinheitlichend, die neuhochdeutsche Schriftsprache hat hier ihren wichtigsten Ursprung.

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„Lob der Torheit“ von Erasmus von Rotterdam (1511)

Eine Satire, in der die Torheit selbst auftritt und sich lobt, und dabei nachweist, dass ohne sie nichts liefe: keine Ehe, kein Krieg, kein Fürstenhof und schon gar keine Theologie. Erasmus schrieb den Text auf Latein, in wenigen Tagen, angeblich zum Zeitvertreib während einer Reise.

Das Buch ist der eleganteste Text der nordeuropäischen Renaissance und deutlich witziger, als sein Alter vermuten lässt. Erasmus blieb bei aller Kritik in der katholischen Kirche und geriet später zwischen die Fronten; Luther griff ihn scharf an.

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Narrenschiff, Eulenspiegel, Faustbuch

Die volkstümliche Seite der deutschen Renaissance ist ergiebiger als die gelehrte.

Sebastian Brants „Das Narrenschiff“ von 1494 zählt in über hundert Kapiteln menschliche Torheiten auf, jede mit einem Holzschnitt, ein europäischer Bestseller und eines der ersten Bücher, das seine Wirkung wesentlich der Bebilderung verdankte.

Das Volksbuch von Till Eulenspiegel, gedruckt um 1515, sammelt Schwänke über einen Mann, der Redewendungen wörtlich nimmt und die Obrigkeit dadurch vorführt. Der Witz funktioniert nach fünfhundert Jahren noch.

Am folgenreichsten ist die anonyme „Historia von D. Johann Fausten“ von 1587: ein Gelehrter schließt einen Pakt mit dem Teufel, genießt vierundzwanzig Jahre lang Wissen und Vergnügen und wird am Ende geholt. Das Buch war als Warnung gemeint. Über eine englische Bearbeitung von Christopher Marlowe und über Puppenspiele kam der Stoff bis zu Goethe, der ihn in der Weimarer Klassik vollständig umdeutete, bei ihm wird Faust gerettet.

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Europa: Shakespeare, Cervantes, Montaigne

Die drei wichtigsten Werke der Epoche stammen aus drei Ländern und erscheinen innerhalb von fünfundzwanzig Jahren.

William Shakespeare (1564–1616) schreibt um 1600 „Hamlet“, ein Stück über einen Mann, der handeln müsste und stattdessen denkt. Shakespeare hält sich an keine antike Regel, er mischt Tragik und Komik, wechselt Orte und Zeiten und erfindet Figuren mit einem Innenleben, das es vorher auf keiner Bühne gab.

Miguel de Cervantes veröffentlicht 1605 den ersten Teil des „Don Quijote“, eine Parodie auf Ritterromane, die zum ersten modernen Roman wird. Näheres dazu in unserer Liste der meistverkauften Bücher, in der er seit Jahrzehnten den ersten Platz belegt.

Michel de Montaigne veröffentlicht 1580 seine „Essais“ und erfindet damit eine Textsorte. Er schreibt über Freundschaft, Kannibalen, Daumen und die Kunst des Sterbens, nicht abschließend, sondern versuchend; daher der Name. Dass ein Autor sich selbst zum Gegenstand macht und dabei zugibt, seine Meinung zu ändern, war neu.

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Woran man einen Renaissance-Text erkennt

Der Bezug auf die Antike ist ausdrücklich. Autoren zitieren Cicero, Seneca und Platon, oft im Original, und begründen damit ihre Position.

Der Einzelne wird interessant. Es entstehen Selbstzeugnisse, Porträts, Biografien. Vorher schrieb kaum jemand über sich.

Die Volkssprache wird literaturfähig. Was vorher auf Latein stand, erscheint jetzt auf Deutsch, Italienisch, Englisch, und wird dadurch für Nichtgelehrte zugänglich.

Die Form wird durchdacht. Das Sonett, aus Italien übernommen, wird zur europäischen Leitform der Lyrik und bleibt es bis in den Barock.

Was ich davon halte

Die deutsche Renaissance ist die Epoche, bei der man ehrlicherweise sagen muss: literarisch passiert hier wenig. Wer eine Übersicht liest, in der Brant, Hutten und Fischart als große Dichter geführt werden, sollte skeptisch werden, die Texte sind historisch wichtig und heute nur noch für Fachleute lesbar.

Was diese Zeit stattdessen leistet, ist größer als jedes einzelne Werk: eine Sprache, in der man überhaupt schreiben kann, und eine Technik, mit der man Geschriebenes verbreiten kann. Ohne beides gäbe es keine der folgenden Epochen. Und Erasmus lohnt sich wirklich, „Lob der Torheit“ ist nach fünfhundert Jahren komischer als die meiste zeitgenössische Satire.

Häufige Fragen

Von wann bis wann dauerte die Renaissance?

In Italien etwa von 1350 bis 1550, nördlich der Alpen von etwa 1450 bis 1600. Die Verschiebung erklärt sich daraus, dass die Bewegung von Florenz und Rom ausging und Jahrzehnte brauchte, um sich zu verbreiten. Für die deutsche Literatur setzt man den Beginn meist beim Buchdruck an.

Was ist der Unterschied zwischen Renaissance und Humanismus?

Renaissance bezeichnet die Epoche insgesamt, einschließlich Kunst, Architektur und Wissenschaft. Humanismus meint die geistige Bewegung darin: die Beschäftigung mit antiken Texten und das daraus folgende Menschenbild. Man kann sagen, der Humanismus ist das Denken der Renaissance.

Warum war der Buchdruck so wichtig?

Weil er die Vervielfältigung vom Abschreiben löste. Ein Text musste nicht mehr Buchstabe für Buchstabe kopiert werden, sondern konnte in identischen Exemplaren erscheinen. Das senkte die Preise, verbreitete Ideen schneller als Zensur reagieren konnte und machte erstmals verlässliche, fehlerfreie Textfassungen möglich.

Gehört Shakespeare zur Renaissance?

Ja, wenn auch an deren Ende, man spricht in England von der elisabethanischen Zeit. Seine Stücke zeigen die typischen Merkmale: antike Stoffe, Figuren mit Innenleben, Missachtung der überlieferten Regeln. In deutschen Übersichten wird er oft übergangen, weil sie sich auf den deutschen Sprachraum beschränken.

Womit sollte man anfangen?

Mit „Lob der Torheit“, kurz, witzig und der zugänglichste Text der Epoche. Wer lieber erzählt bekommt, nimmt „Till Eulenspiegel“ in einer modernisierten Ausgabe. Montaignes „Essais“ liest man nicht am Stück, sondern einzeln, wie es der Autor selbst vorschlägt.

Weiterlesen

Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Davor liegt das Mittelalter, dessen Klöster die antiken Texte überliefert haben, die hier wiederentdeckt werden. Danach folgt der Barock, in dem aus dem Sonett die deutsche Leitform wird. Was aus dem humanistischen Vertrauen in den Menschen zweihundert Jahre später wird, steht im Beitrag zur Aufklärung.

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