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Wer nach „Achtsam morden“ ein Anschlussbuch sucht, sucht meistens nicht einfach den nächsten Krimi. Sondern eines von drei Dingen: den Erzähler, der sein Verbrechen abarbeitet wie einen Aktenvorgang. Den Witz, der aus dem Ratgebervokabular kommt und nicht aus Pointen. Oder den Alltag, um den es unter der Mordhandlung eigentlich geht. Je nachdem, welches der drei Dinge dich gehalten hat, ist ein anderes Buch das richtige.

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Das Wichtigste in Kürze
- „Achtsam morden“ von Karsten Dusse erschien am 10. Juni 2019 bei Heyne, umfasst 416 Seiten und trägt den Untertitel „Ein entschleunigter Kriminalroman“. Der Strafverteidiger Björn Diemel bringt seinen wichtigsten Mandanten um und führt dessen Geschäfte weiter, während er ein Achtsamkeitstraining absolviert.
- Merkmal 1 ist die Erzählhaltung: Der Täter berichtet selbst, ohne Reue und mit Berufsroutine. Wer daran hängt, liest weiter mit „Der Kaninchen-Faktor“ von Antti Tuomainen — ein Versicherungsmathematiker rechnet dort seine Mafiaschulden durch.
- Merkmal 2 ist die Sprache: Vor jedem der 37 Kapitel steht ein Zitat aus einem erfundenen Achtsamkeitsratgeber, und Björn befolgt es wörtlich. Dieselbe Mechanik ohne Verbrechen hat „Mieses Karma“ von David Safier.
- Merkmal 3 ist der Stoff: Sorgerecht, Kitaplatz und Wochenenddienst treiben die Handlung, nicht die Ermittlung. Dafür steht „Der Donnerstagsmordclub“ von Richard Osman.
- Kein einzelnes Buch trifft alle drei Merkmale zugleich. Am nächsten kommt der Kaninchen-Faktor, weil er zwei davon bedient; die anderen beiden sind bewusst je einseitige Empfehlungen.
- Die Reihe um Björn Diemel hat fünf Bände (2019 bis 2024) und muss ab Band 2 der Reihe nach gelesen werden. Die Netflix-Serie startete im Oktober 2024, Staffel 2 kam im Mai 2026.
Was „Achtsam morden“ ist
Björn Diemel ist Strafverteidiger, arbeitet zu viel und wird von seiner Frau Katharina in ein Achtsamkeitstraining geschickt, damit die Ehe und das Verhältnis zur kleinen Tochter Emily eine Chance bekommen. Der Coach heißt Joschka Breitner. Was Breitner ihm beibringt, wendet Björn anschließend auf sein Mandat an: Sein Hauptmandant Dragan Sergowicz ist ein Großkrimineller, der ihm das Leben zerstört, also bringt Björn ihn um. Danach hält er den Toten per manipulierter Kommunikation am Leben und führt dessen Organisation nebenbei weiter.
Der erste Satz des Romans lautet: „Eins vorweg: Ich bin kein gewalttätiger Mensch.“ Damit ist der Ton gesetzt. Das Buch war das meistverkaufte Taschenbuch des Jahres 2020; Dusses Bücher sind inzwischen in 30 Sprachen übersetzt. Die Angaben zu Ausgabe und Umfang stammen von der Verlagsseite bei Heyne.
Merkmal 1: Der Täter erzählt selbst
In einem klassischen Krimi begleitest du jemanden, der etwas herausfinden will. Hier begleitest du jemanden, der etwas wegräumen muss. Björn erzählt in der Ich-Form, rückblickend und in vollständiger Übereinstimmung mit sich selbst. Eine Leiche ist für ihn kein moralisches Problem, sondern ein Terminkonflikt: Sie muss vor Montag verschwunden sein, weil am Montag ein Gerichtstermin ansteht.
Daraus zieht das Buch seine Spannung. Du weißt von Anfang an, wer getötet hat. Offen ist nur, ob die Konstruktion hält — und die Konstruktion ist juristisch, nicht kriminalistisch. Björn denkt in Fristen, Zuständigkeiten und Beweislast. Er ist gut in seinem Beruf, und genau das macht ihn gefährlich.
Die Empfehlung: „Der Kaninchen-Faktor“ von Antti Tuomainen
Henri Koskinen ist Versicherungsmathematiker und überzeugt davon, dass sich alles berechnen lässt. Er verliert seinen Job und erbt von seinem Bruder einen Abenteuerpark: mit einem eigenwilligen Personal, mit Schulden und mit Gläubigern, die ihr Geld nicht per Mahnbescheid eintreiben. Henri versucht das Problem so zu lösen, wie er jedes Problem löst — er rechnet es durch.
Das ist dieselbe Bauweise wie bei Björn Diemel: ein Fachmann, der sein berufliches Werkzeug auf eine Lage anwendet, für die es nicht gedacht war, und der dabei ruhig bleibt, während um ihn herum Leute sterben. Der Kaninchen-Faktor erschien 2021 auf Deutsch bei Rowohlt, übersetzt von Niina Wagner und Jan Costin Wagner, und ist der erste von drei Bänden um Henri Koskinen.
Der Unterschied: Henri ist kein Täter, sondern gerät in etwas hinein. Er bleibt sympathischer als Björn, weil er nichts von sich aus anfängt. Wer das Rücksichtslose an Björn mochte — die vollkommene Abwesenheit von schlechtem Gewissen —, bekommt bei Tuomainen eine mildere Version davon. Wer die Berufslogik mochte, bekommt sie in Reinform. Und wer nach der Ermittlerseite sucht, ist bei beiden falsch und besser bei Jussi Adler-Olsens Sonderdezernat Q aufgehoben.
Merkmal 2: Der Witz sitzt im Ratgebervokabular
Die 37 Kapitel des Romans heißen „Achtsamkeit“, „Zeitinseln“, „Digitales Fasten“, „Singletasking“, „Delegieren“ — die Inhaltsübersicht liest sich wie das Programmheft eines Führungskräfteseminars. Vor jedem Kapitel steht ein Zitat aus Joschka Breitners erfundenem Ratgeber „Entschleunigt auf der Überholspur – Achtsamkeit für Führungskräfte“. Das erste davon erklärt, dass Achtsamkeit bedeutet, vor einer Tür zu stehen und zu warten, wenn man vor einer Tür steht und wartet.
Der Witz entsteht nicht durch Gags, sondern durch die Anwendung. Björn nimmt die Sätze ernst und leitet daraus Handlungen ab, für die sie nie gedacht waren. „Delegieren“ heißt im Kapitel 30 etwas anderes als im Seminar. Diese Bauweise ist der eigentliche Trick des Buchs, und sie ist der Grund, warum das Buch auch funktioniert, wenn man Krimis sonst nicht mag.
Die Empfehlung: „Mieses Karma“ von David Safier
Die Fernsehmoderatorin Kim Lange gewinnt den Deutschen Fernsehpreis und wird noch am selben Abend von einem herabstürzenden Raumstationsteil erschlagen. Im Jenseits erfährt sie, dass sie zu viel schlechtes Karma angesammelt hat, und wacht als Ameise wieder auf. Buddha erklärt ihr die Regeln: Wer aufsteigen will, muss gutes Karma sammeln. Kim beginnt, ihr Verhalten an einem Punktesystem auszurichten, das sie nicht bestellt hat.
Damit liegt die gleiche Mechanik vor wie bei Dusse: Eine Heilslehre wird als Regelwerk genommen und wörtlich befolgt, und die Komik entsteht aus dem Abstand zwischen dem sanften Vokabular und dem, was die Figur damit tatsächlich tut. Mieses Karma war 2007 Safiers Debüt und erschien bei Rowohlt.
Von den drei Empfehlungen ist das die riskanteste, und ich sage das mit Absicht so deutlich: Es gibt keine Krimihandlung, keinen Toten, den jemand loswerden muss, keine kriminelle Organisation. Wer wegen der Mafia gekommen ist, wird das Buch nach dreißig Seiten weglegen. Wer wegen der Sprache gekommen ist, bekommt hier den reinsten Treffer der drei.
Merkmal 3: Der Krimi ist der Rahmen, der Alltag der Inhalt
Über weite Strecken handelt „Achtsam morden“ von einem Sorgerechtskonflikt. Björn will Zeit mit Emily, er will einen Kitaplatz, er will nicht schon wieder am Samstag ins Büro. Die Verbrechen sind das, was ihm dabei im Weg steht, beziehungsweise das Werkzeug, mit dem er es aus dem Weg räumt. Nimmt man die Leichen heraus, bleibt ein Roman über Vereinbarkeit übrig — und die Beobachtungen darin sind genauer als die Krimihandlung.
Das lässt sich an einer Stelle festmachen: Björns Zeitprobleme werden nicht kleiner, nachdem er zum Mörder geworden ist. Sie werden größer, weil er jetzt zwei Vollzeitjobs hat. Der Roman rechnet weiter in Betreuungszeiten, während er in Leichen rechnet, und dieses Nebeneinander ist der Grund, warum das Buch auch Leserinnen und Leser erreicht hat, die sonst keine Krimis anfassen. Der Preis dafür ist, dass die eigentliche Verbrechenshandlung stellenweise dünn bleibt — wer den Fall in den Vordergrund will, wird ungeduldig.
Die Empfehlung: „Der Donnerstagsmordclub“ von Richard Osman
In der Seniorenresidenz Coopers Chase in Kent treffen sich Elizabeth, Joyce, Ron und Ibrahim jeden Donnerstag im Puzzleraum, um ungelöste alte Kriminalfälle durchzugehen. Dann passiert vor ihrer Haustür ein echter Mord. Die vier ermitteln weiter wie zuvor, nur eben an einem Fall, der noch warm ist. Der Donnerstagsmordclub erschien 2020 im Original und 2021 auf Deutsch bei List, übersetzt von Sabine Roth; Netflix hat den Stoff 2025 mit Helen Mirren und Pierce Brosnan verfilmt.
Die Verbindung zu Dusse liegt in der Gewichtung. Auch hier steht der Mordfall im Titel und nicht im Zentrum. Was der Roman tatsächlich verhandelt, sind Freundschaft im hohen Alter, Demenz, Verwitwung und die Frage, wie man sich einen Rest Selbstbestimmung erhält, wenn andere über den eigenen Tagesablauf entscheiden. Osman bleibt dabei so freundlich, wie Dusse zynisch ist — das ist der größte Unterschied zwischen den beiden Büchern.
Für die Gegenrichtung, also für Spannung als Hauptsache statt als Rahmen, führt der Weg eher zu Büchern wie denen von Sebastian Fitzek.
Wo die drei Empfehlungen an ihre Grenze kommen
Keines der drei Bücher ist ein Ersatz. Das liegt nicht an den Büchern, sondern daran, dass „Achtsam morden“ zwei Dinge verbindet, die selten zusammen vorkommen: eine Ratgeberparodie und einen Mafiaroman. Wer beides zugleich sucht, sucht faktisch die Fortsetzungen — deshalb steht der Abschnitt zur Reihe weiter unten.
Am nächsten dran ist der Kaninchen-Faktor, weil er zwei der drei Merkmale bedient: die Berufslogik und den beiläufigen Umgang mit Toten. Mieses Karma trifft nur die Sprachebene, dafür sehr genau. Der Donnerstagsmordclub trifft nur die Gewichtung und ist von den dreien der wärmste, also derjenige, der am wenigsten nach Dusse klingt.
Wenn dir die Zuordnung nach Merkmalen zusagt: Nach demselben Prinzip ist die Ähnlichkeits-Tabelle mit 57 Buchpaaren aufgebaut, dort steht bei jedem Paar, worauf sich die Ähnlichkeit bezieht.
Wenn du bei Björn Diemel bleiben willst

Auf Band 1 folgten „Das Kind in mir will achtsam morden“ (2020), „Achtsam morden am Rande der Welt“ (2021), „Achtsam morden im Hier und Jetzt“ (2022) und „Achtsam morden durch bewusste Ernährung“ (2024). Jeder Band nimmt sich ein neues Feld der Selbstoptimierung vor: das innere Kind, das Reisen, die Gegenwart, die Ernährung.
Band 1 halte ich für den stärksten. Der Einfall trägt dort am weitesten, weil er neu ist; ab Band 3 wiederholt sich die Bauweise stärker, als sie sich erneuert. Das ist kein Argument gegen die Fortsetzungen, aber ein Argument dagegen, sie am Stück zu lesen. Daneben steht „Achtsam morden – Das Übungsbuch nach der Joschka-Breitner-Methode“ von 2021, das 44 Übungen enthält und keine Handlung.
Häufige Fragen
Ist „Achtsam morden“ brutal?
Es wird getötet, und eine Leiche wird zerlegt. Ausgemalt wird davon wenig: Björn berichtet die Vorgänge sachlich und aus der Distanz des Rückblicks, so wie er auch einen Aktenvermerk diktieren würde. Genau diese Nüchternheit ist der Witz. Wer die ausführliche Variante sucht, findet sie eher bei den Büchern in der Art von Simon Beckett.
Muss ich die fünf Bände in der richtigen Reihenfolge lesen?
Band 1 steht für sich und ist der einzige sinnvolle Einstieg. Ab Band 2 setzen die Romane voraus, wer inzwischen tot ist und welche Rolle Björn im Geschäft eingenommen hat; sie verraten das auch in den ersten Kapiteln. Wer quer einsteigt, nimmt sich die Auflösung von Band 1 weg, ohne dafür etwas zu gewinnen.
Passt die Netflix-Serie zum Buch?
Die erste Staffel mit Tom Schilling erschien im Oktober 2024 und folgt Band 1 in acht Folgen recht genau; Staffel 2 kam im Mai 2026 und erzählt Band 2. Was in der Serie fehlen muss, sind die Kapitelmotti — der Ratgebertext lässt sich nicht bebildern. Wenn dich Merkmal 2 am Buch gehalten hat, lies zuerst und schau danach.
Welches der drei Bücher ist am nächsten dran?
Der Kaninchen-Faktor. Er trifft zwei Merkmale statt einem, er ist ebenfalls komisch und ebenfalls kriminell, und er hat mit „Das Elch-Paradoxon“ eine direkte Fortsetzung. Was ihm fehlt, ist der deutsche Büroalltag: Tuomainens Finnland ist skurriler als Dusses Anwaltskanzlei.
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