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Das Wichtigste in Kürze
- Die Neue Sachlichkeit umfasst die Jahre der Weimarer Republik, etwa 1918 bis 1933. Sie ist die kürzeste hier behandelte Strömung und endet nicht literarisch, sondern politisch.
- Der Name stammt nicht aus der Literatur, sondern aus der Malerei: von einer Ausstellung, die der Mannheimer Kunsthallendirektor Gustav Friedrich Hartlaub 1925 so betitelte.
- Sie ist die direkte Gegenbewegung zum Expressionismus. Statt Schrei und Weltuntergang: Beobachtung, Zahlen, Handwerk. Statt Seele: Miete, Gehalt, Fahrplan.
- Das Leitbild ist der Reporter, nicht der Seher. Egon Erwin Kisch nannte sich „der rasende Reporter“ und machte die Reportage zur literarischen Form.
- Die typische Hauptfigur ist der kleine Angestellte – nicht Held, nicht Opfer, sondern jemand, der versucht, über den Monat zu kommen.
- Zwei Autorinnen gehören zum Besten der Strömung und fehlen in Schulbüchern fast immer: Irmgard Keun und Vicki Baum.
- Fast alle wichtigen Werke wurden binnen weniger Jahre verfilmt – es ist die filmnächste Literatur, die Deutschland hervorgebracht hat.
Worum es in der Neuen Sachlichkeit geht
Nach 1918 ist die Lage nüchtern in jedem Wortsinn. Der Krieg ist verloren, die Monarchie weg, die Inflation frisst 1923 alle Ersparnisse, und 1929 kommt die Weltwirtschaftskrise. Wer in dieser Zeit schreibt, hat wenig Verwendung für das Pathos, mit dem die Expressionisten zehn Jahre zuvor den Weltuntergang beschworen hatten – der Untergang hat inzwischen stattgefunden und sah aus wie eine Kündigung.
Also wird beschrieben statt beschworen. Die Sprache ist knapp, der Ton unaufgeregt, der Blick genau. Literatur versteht sich als Gebrauchsgegenstand: Sie soll informieren, unterhalten und wirken, nicht erhaben sein. Kästner sprach von Gebrauchslyrik – Gedichten, die man benutzen kann wie ein Werkzeug.
Der bevorzugte Schauplatz ist Berlin, das in diesen Jahren zur Viermillionenstadt wird. Und der bevorzugte Gegenstand ist die neue soziale Gruppe, die dort entsteht: die Angestellten. Siegfried Kracauer schrieb 1930 mit „Die Angestellten“ eine soziologische Untersuchung darüber, die sich wie Literatur liest.
Woran man einen Text der Neuen Sachlichkeit erkennt
Es wird gerechnet. Gehälter, Mieten, Preise stehen konkret im Text. Wer wissen will, was ein Zimmer in Berlin 1931 kostete, findet es bei Fallada.
Der Ton ist trocken, oft ironisch. Gefühle werden benannt, nicht ausgestellt. Wo ein Expressionist geschrien hätte, zuckt hier jemand mit den Schultern.
Montage und Reportage. Zeitungsschnipsel, Werbetexte, Schlagerzeilen und Statistiken werden in den Text eingebaut – die Stadt spricht mit.
Kein Trost am Schluss. Die Bücher enden selten gut und noch seltener mit einer Lehre. Sie hören auf, wenn die Geschichte auserzählt ist.
Die wichtigsten Werke
„Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin (1929)
Franz Biberkopf kommt aus dem Gefängnis und nimmt sich vor, anständig zu bleiben. Es gelingt dreimal nicht. Er verliert einen Arm, seine Freundin wird ermordet, und am Ende steht ein Mann, der gelernt hat, dass sein Vorsatz allein nichts trägt.
Das Besondere ist die Machart. Döblin montiert in den Erzähltext hinein, was in der Stadt sonst noch zu hören ist: Schlachthofberichte, Wetterdaten, Bibelstellen, Reklame, Gerichtsurteile, Volkslieder. Der Roman gilt als der deutsche Großstadtroman schlechthin und wird oft mit Joyce’ „Ulysses“ verglichen – Döblin bestritt, ihn gekannt zu haben.
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„Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada (1932)
Johannes Pinneberg, Verkäufer, und seine Frau Emma, genannt Lämmchen, versuchen, mit einem Kind und einem schrumpfenden Gehalt durch die Weltwirtschaftskrise zu kommen. Er verliert die Stelle, sie ziehen in eine Laube vor der Stadt, und das Buch endet ohne Rettung, aber mit einer Zärtlichkeit, die sonst nirgends in dieser Strömung vorkommt.
Von allen Texten der Epoche ist das der, der am direktesten wirkt. Fallada beschreibt Armut nicht als soziale Frage, sondern als Alltag: Man rechnet nach, wie viele Tage das Geld noch reicht.
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„Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun (1932)
Doris, neunzehn, Stenotypistin aus der Provinz, stiehlt einen Pelzmantel und geht nach Berlin, um „ein Glanz“ zu werden. Erzählt wird in ihrer eigenen Sprache, in einem Tagebuch, das die Rechtschreibung nicht immer trifft und die Verhältnisse dafür umso genauer.
Das Buch ist der beste Text über die sogenannte neue Frau der Zwanzigerjahre – berufstätig, unabhängig und trotzdem darauf angewiesen, von Männern ausgehalten zu werden. Keuns Bücher wurden 1933 verboten; sie ging ins Exil, kehrte 1940 unter falschem Namen zurück und überlebte versteckt in Deutschland. Wiederentdeckt wurde sie erst in den 1970er Jahren.
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„Fabian“ von Erich Kästner (1931)
Kästner ist den meisten als Kinderbuchautor bekannt – „Emil und die Detektive“ erschien 1929 und ist selbst ein Musterbeispiel der Strömung, weil es Kinder als handelnde Personen in einer realen Stadt zeigt. „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ ist das Gegenstück für Erwachsene: ein arbeitsloser Werbetexter treibt durch ein Berlin aus Bordellen, Redaktionen und politischen Schlägereien und geht am Ende unter, weil er einem Jungen nachspringt, der schwimmen kann.
Der Verlag entschärfte das Buch vor dem Druck erheblich. Die ungekürzte Fassung erschien erst 2013 unter Kästners ursprünglichem Titel „Der Gang vor die Hunde“.
„Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque (1929)
Der bekannteste deutsche Antikriegsroman, erzählt von einem Schüler, der sich mit seiner Klasse freiwillig meldet und Stück für Stück begreift, dass niemand von ihnen zurückkommen wird. Der nüchterne, fast protokollarische Ton macht die Wirkung aus – Remarque verzichtet auf Anklage und beschreibt stattdessen, wie man Läuse tötet und Freunde beerdigt.
Das Buch verkaufte sich binnen eines Jahres über eine Million Mal. Nationalsozialisten störten 1930 die Filmvorführungen mit Stinkbomben und weißen Mäusen; 1933 war es eines der ersten, die verbrannt wurden.
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„Menschen im Hotel“ von Vicki Baum (1929)
Fünf Gäste in einem Berliner Grandhotel, deren Geschichten sich über wenige Tage kreuzen: ein todkranker Buchhalter, der sein Erspartes verlebt, eine alternde Ballerina, ein verarmter Baron, der stiehlt, eine Stenotypistin mit Ambitionen und ein Generaldirektor vor der Pleite. Was heute als Erzählprinzip selbstverständlich klingt – mehrere Handlungsstränge an einem Ort –, war damals neu.
Baum war die erfolgreichste deutsche Autorin ihrer Zeit, wurde nach Hollywood geholt und schrieb ab 1941 auf Englisch. Der Film mit Greta Garbo gewann 1932 den Oscar. In deutschen Literaturgeschichten taucht sie meist unter „Unterhaltungsliteratur“ auf, was den Blick auf ein präzise gebautes Buch verstellt.
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Die Reportage: Egon Erwin Kisch
Kisch nannte sich „der rasende Reporter“ und machte aus der Reportage eine literarische Gattung. Er ließ sich als Arbeitsloser einstellen, stieg in die Kanalisation, besuchte Obdachlosenasyle und schrieb darüber – nicht als Beobachter von außen, sondern als jemand, der hineinging.
Sein Grundsatz lautete, der Reporter habe keine Tendenz, nichts zu rechtfertigen und keinen Standpunkt – er sei unbefangener Zeuge. Dass er selbst überzeugter Kommunist war, macht diesen Anspruch angreifbar und die Texte nicht schlechter. Ohne Kisch gäbe es die deutsche Reportage in ihrer heutigen Form nicht.
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Was ich davon halte
Das ist die Strömung, die am wenigsten gealtert ist. Der Grund liegt im Ton: Wer nüchtern schreibt, klingt nach hundert Jahren nicht altmodisch, weil Nüchternheit keine Mode hat. Falladas Ehepaar, das seine Ausgaben durchrechnet, könnte in einem heutigen Roman stehen.
Was mich ärgert, ist die Auswahl in den Schulbüchern. Man behandelt Döblin und Kästner und lässt Irmgard Keun weg, dabei ist „Das kunstseidene Mädchen“ zugänglicher als beide und erzählt eine Perspektive, die sonst in der ganzen deutschen Literatur der Zwischenkriegszeit fehlt. Wer einen Text dieser Jahre liest, sollte diesen nehmen.
Häufige Fragen
Woher kommt der Name Neue Sachlichkeit?
Von einer Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim 1925, die Gustav Friedrich Hartlaub so nannte. Gemeint war zunächst eine Malerei, die nach dem Expressionismus zur gegenständlichen Darstellung zurückkehrte. Der Begriff wurde dann auf Literatur, Architektur und Fotografie übertragen.
Was ist der Unterschied zum Expressionismus?
Der Expressionismus drückt Inneres nach außen: Schrei, Vision, Verzerrung. Die Neue Sachlichkeit nimmt Äußeres auf: Beobachtung, Zahl, Protokoll. Beide reagieren auf dieselbe Krise, aber der eine steigert, der andere kühlt ab. Mehr zum Expressionismus im Beitrag zur Moderne.
Was bedeutet Gebrauchslyrik?
Von Erich Kästner geprägter Begriff für Gedichte mit praktischem Zweck – über Alltag, Politik, Beziehungen, in verständlicher Sprache und oft mit Pointe. Das Gegenteil von hermetischer Dichtung: Diese Gedichte sollen benutzt und nicht gedeutet werden.
Warum endet die Strömung 1933?
Weil ihre Autoren verboten, vertrieben oder zum Schweigen gebracht wurden. Döblin, Keun, Remarque und Kästner standen 1933 auf den Listen der verbrannten Bücher. Was danach kommt, ist Exilliteratur.
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Diese Seite gehört zur Übersicht aller Literaturepochen. Davor liegen Moderne und Expressionismus, danach folgt die Exilliteratur. Wie eine frühere Epoche das Elend der Unterschicht behandelte, zeigt der Beitrag zum Naturalismus.
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